| Achim Bahnen > Texte | Homepage: www.acba.de |
|
Buchkritik zu: Hans Graßmann, Alles Quark? Ein Physikbuch. und Johann Grolle, Darwins Finken oder Wie der Affe zum Menschen wurde. Rowohlt Berlin, Berlin 1999. ![]() ![]() |
Die ZEIT vom 05.10.2000, Seite 69
Kritik in KürzeManuskriptfassung!"Die Welt war entdeckt" - und doch machte sich am Morgen des 10. Dezember 1831 Charles Darwin auf die Reise "in eine Welt, die noch niemand zuvor betreten hatte: das Reich der Vergangenheit". Schwungvoll und sogar mit etwas erzählerischem Überschwang beginnt Johann Grolle sein Buch über die Evolution des Menschen oder, wie wir Erben Darwins wissen: die Menschwerdung des Affen. Die Aufdeckung dieser Geschichte ist selbst eine spannende Story, die der Wissenschaftsjournalist ebenso kompetent wie lesbar präsentiert. Obwohl der Band zur Reihe "Bücher für die nächste Generation" gehört, verzichtet Grolle auf juvenilen Stil und didaktische Zusprache. Die Fortschritte und Kontroversen der Urmenschforschung erhalten bei ihm das menschliche Antlitz von Wissenschaftlern, die sich ihrer Sache (und dabei oft der falschen Hypothese) mit Haut und Haar verschrieben haben. Gleichsam nebenher vermag Grolle so Begeisterung für diese interdisziplinäre Wissenschaft zu wecken, in der noch heute manche Fragen offen sind. Ganz anders Hans Graßmann, einer der führenden deutschen Physiker und Mitentdecker des Top-Quark, der unter dem kalauernden Titel Alles Quark? in der gleichen Reihe ein Physikbuch vorlegt. Graßmann weiß, dass sein Fach schwierig ist, und setzt erst einmal alles daran, das auch dem jungen Leser einzubläuen. Dreimal hebt er mühsam an, warnt vor Enttäuschung, denn "dieses Buch ist sehr schwer", erzählt von eigenen Zweifeln, als der Verlag an ihn herantrat, und klagt schließlich, er versuche nun "schon zwei Tage ... zu schreiben, was Physik sei, weil ein Physikbuch ja mit einer Definition anfangen muss von der Physik, so viel ist klar". Wer diesen Vorspann übersteht, wird später leicht ein ganzes Physikstudium zu Ende bringen und auch über die weiteren Anbiederungsversuche des Autors hinwegsehen, wenn er der nächsten Generation in den Mund legt: "Herr Graßmann, du redest ja wie ein Märchenonkel aus 1001 Nacht, ich bin aber ein modernes Kind und glaub nicht an Märchen". Wie schade, dass der Märchenonkel sich nicht darauf beschränkt, die Physik zu erklären, denn das kann er ausgezeichnet und stellenweise originell (wobei dann nie der unbescheidene Hinweis fehlt, dies habe er auf diese Art noch nirgendwo gelesen). Auch der physikalisch vorbelastete Leser vermag bei Graßmann neue Perspektiven auf Relativitäts- und Quantentheorie, auf Erhaltungssätze und Thermodynamik zu gewinnen, sofern er den pädagogischen Ballast nicht scheut. Grolles Geschichte der Menschwerdung dagegen empfiehlt sich ohne Vorbehalte als Bettlektüre für Alt und Jung; das Lesebändchen wird man bei diesem schmalen und unaufdringlich schön gestalteten Band kaum brauchen. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
Die Zeit
, acba
Kommentar erwünscht an: achim.bahnen@gmx.net |
| Document source: http://www.acba.de | Copyright © acba 2000-2007 |
Last change: 2007-03-11
|