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Buchkritik zu:
James Burke,
Gutenbergs Irrtum und Einsteins Traum.
Piper: München 1999.

Cover


Dauerwelle mit Schmetterlingseffekt

Wie James Burke in der Geschichte des Wissens flippern ging

Manuskriptfassung!

James Burke ist ein erfahrener Reiseleiter durch die Wissenswelten. Für die BBC moderierte der gebürtige Nordire die Apollo-Missionen, und 1979 konzipierte er mit "Connections" eine preisgekrönte Fernsehserie über die Wissensgeschichte. Der Grundgedanke dieser Serie steht auch im Zentrum seines neuen Buches: Alles ist mit allem verbunden, und in zwanzig Zeitreisen will Burke zeigen, wie "die simpelste Handlung 100 Jahre später regelrecht kosmische Auswirkungen" haben kann.

Vor ein paar Jahren, als die Chaostheorie noch en vogue war, hätte man das unter dem Stichwort Schmetterlingseffekt vermarktet. Der englische Titel spricht noch vom "Flipperkugel-Effekt", während der deutsche das Anekdotische herausstreicht. Anekdoten sind aber nur das Beiwerk, mit dem Burke als gewiefter Entertainer den Leser auf seinen Reisen bei Laune hält. Ob sich der Buchdruck tatsächlich dem Umstand verdankt, dass Gutenberg sich eines Tages im Datum irrte, interessiert ihn viel weniger als die Frage, wie ganz unterschiedliche Erfindungen und Entdeckungen miteinander zusammenwirken.

Die erste Reise führt vom Lockenwickler zum Luxusdampfer. Dazwischen liegen Dutzende Stationen der Technik- und Kulturgeschichte, die Burke in kurzatmigem Rhythmus durchläuft: Als das nicht sehr dauerhafte Ergebnis der Lockenwickler Anfang des Jahrhunderts durch die Dauerwelle verfestigt wurde, diente als Lockenfestiger Borax, das aus dem kalifornischen Death Valley kam; in Kalifornien gab es viele Siedler wegen des Goldrauschs, der viele Glücksritter über den Ozean lockte; über den Ozean fuhr man am schnellsten mit einem Klipper; die amerikanischen Klipper waren vor allem für den Teeimport nach England gebaut worden; sie durften die englischen Häfen aber nur deshalb anlaufen, weil England während der Hungersnot in Irland (die Kartoffelernte war durch einen aus Amerika importierten Pilz vernichtet worden) das Transportmonopol für die eigene Handelsflotte gelockert hatte.

Und so weiter und so fort, über die britische Freihandelsbewegung und den Frankierskandal, die Umstellung des Postwesens auf das Briefmarkensystem sowie die Einführung eines transatlantischen Dampfpostschiffverkehrs mit der Kunders-Linie, deren Passagierschiffe später wegen eines Schreibfehlers als "Cunard"-Dampfer vom Stapel liefen, darunter 1969 ihr berühmtestes Flaggschiff, die "Queen Elisabeth 2". "Und wie alle Luxuskreuzfahrtschiffe hatte sie einen Frisiersalon zu bieten, in dem sich die (weiblichen) Passagiere Dauerwellen machen lassen konnten." Der Kreis ist geschlossen, der Autor glücklich und der Leser bass erstaunt.

Zweifellos ist es faszinierend, wie viele Details Burke aufgetrieben hat und was für überraschende Verbindungen er zwischen ihnen herstellt. Seine Reisen sind enzyklopädisch im Wortsinne, Rundgänge durch das Wissen, das sich als ein wundersamer Garten sich verzweigender Pfade offenbart. Den Liebhabern von Enzyklopädien sind solche Entdeckungsreisen vertraut. Von einem Stichwort ausgehend führen die Querweise nach und nach durch eine Vielzahl von Bänden, neugierig folgt man dem Unbekannten bis man schließlich - vielleicht - zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Doch im Unterschied zu Burkes Wegweisungen entscheidet der Leser dabei selbst, wo er die Reise fortsetzt. An jedem möglichen Verzweigungspunkt gibt ein neugieriger Impuls den Ausschlag, denn vor jedem Wissen steht das Wissen-Wollen. Unterwegs auf einer tour de force mit Burke droht der Leser dagegen nicht nur den Überblick zu verlieren, sondern fragt sich früher oder später auch, ob er das alles wirklich wissen will.

Autor und Verlag haben dies offenbar vorausgesehen und am Seitenrand Verzweigungspunkte markiert, die dem Leser die Möglichkeit zu Individualreisen bieten. Dreihundertvierzehn solcher - in albernem Neudeutsch als "hot links" bezeichnete - Querverweise sind über das Buch verteilt, die Anzahl der Lesepfade steigt somit ins Unermessliche. Ein Tip für hurtige Leser: Der kürzeste Weg führt in gerade mal neun Seiten vom Anfang bis zum Schluss (von Knoten 1 nach 153 und dann von 154 nach 314). Wer länger verweilt und mehr Verweisen nachgeht, muss sich auf Enttäuschungen gefasst machen. Denn gewöhnlich schlägt man nach, um mehr über einen Gegenstand oder eine Person zu erfahren. Bei Burkes Verzweigungen aber sind es zum Teil nur kontingente Bindeglieder mit verschwindender Bedeutung für die aufgezeigte Verbindung.

Das ungezügelte Herumflippern in der Wissensgeschichte erweckt den Eindruck der Beliebigkeit. Wenn alles auch anders sein könnte, verlieren die tatsächlichen Details an Bedeutung. Aber das Interessante an der Kontingenz ist doch, so fand schon Aristoteles, wie sie mit dem zusammenspielt, was eben nicht zufällig ist. Zwangsläufige Entwicklungen und Epochenströmungen spielen bei Burke keine Rolle. Er suggeriert vielmehr, dass ohne die von ihm berichteten Zufälle alles ganz anders wäre: es gäbe dann kein Penicillin und keine Dauerwellen auf Kreuzfahrtschiffen. Umgekehrt lässt Burke gewagte Kausalketten entstehen: Alexander von Humboldt wird so zum Vorläufer der Nazi-Ideologie aufgrund der Aufzeichnungen zu seiner Südamerikaexpedition, "die den Grundstein dafür legte, dass die Nazis später beinahe Südamerika eroberten". Und Burkes Behauptung, Hollywood verdanke sich Einsteins Erklärung des lichtelektrischen Effekts, ist nichts als gelehrt maskierter Unfug.

Zu befürchten ist, dass die kommende Wissensgesellschaft sich an solch kontextlosen Verknüpfungsspielchen ergötzen wird. Burke empfiehlt der Jugend das Netzwerkreisen als "primäre Lernerfahrung", anstatt "rein mechanisch Unmengen von Daten auswendig zu lernen". Doch hätte Burke ein wenig "mechanischer" Fakten behalten, so wären ihm nicht in einem einzigen Absatz gleich zwei grobe Schnitzer unterlaufen: Die DNS ist weder ein Eiweißmolekül, noch wurde ihre Existenz erst durch Crick und Watson bestätigt (sie wiesen vielmehr die Doppelhelixstruktur des Nukleinsäuremoleküls nach). Wenn Burke dann noch empfiehlt, Intelligenz in Zukunft nicht mehr nach der Fähigkeit, folgerichtig zu denken, zu beurteilen, kann man nur noch eines raten: den Reiseleiter wechseln, und zwar schnell.

Achim Bahnen


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