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Buchkritik zu:
Richard Fortey,
Leben - Eine Biographie.
C.H. Beck: München 1999.

Cover


Kambrium statt Menopause

Richard Forteys Lebensgeschichte des Lebens

Manuskriptfassung!

Eingespannt zwischen Geburt und Tod, die Grenzen alles Sterblichen, erhält der exemplarische Lebensbogen durch die Biografie menschliches Maß. Der einzigartige Lauf des Lebens selbst reicht weit darüber hinaus; ihn zu erzählen, ist ein reizvolles, ein kühnes Unterfangen.

Richard Fortey vom National History Museum in London ist als Paläontologe zum Biografen ex cathedra berufen. Auch wenn er seine Geschichte des Lebens im englischen Untertitel als "unautorisiert" bezeichnet, schreibt er mit der Autorität des renommierten Fachmanns. Das Tagebuch des Lebens ist in Stein verewigt. Fossilien sind Eindrücke aus Kindheitstagen der Evolution, aufbewahrt in Schichten der Erinnerung, die mit dem Geologenhammer freizulegen sind. Forteys eigenes Forschungsgebiet sind Trilobiten: Gliederfüßer (so wie Fliegen, Käfer oder Spinnen), die sich schon vor 500 Millionen Jahren mit einem harten Außenskelett, ausgebildetem Nervensystem und Facettenaugen in Flachmeeren tummelten und sich auf halbem Wege in die Gegenwart aus dem Lebensstrom verabschiedeten. Schon dieses Beispiel zeigt, dass die Zeiträume dieser Biografie jedes menschliche Maß übersteigen. Statt Pubertät und Menopause sind Kambrium und Perm bezeichnende Lebensphasen. Eine Zeittafel hilft, sich in den geologischen Epochen zu orientieren, und ein Glossar erklärt die wichtigsten Fachausdrücke, auf die Fortey jedoch so weit wie möglich verzichtet.

Der Trilobiten-Forscher erweist sich als talentierter Erzähler, der dem Laien auch exzentrische Lebensformen und -entwürfe wortreich zu illustrieren weiß. Zu seinen narrativen Stärken zählt es, urzeitliche Welten zu vergegenwärtigen. Immer wieder ist es der Blick in die Tiefen des Meeres, den Fortey zum Eintauchen in die Vergangenheit nutzt. Arten kamen und gingen, das Land wurde begrünt und von Tieren bevölkert: "Das Meer aber war dasselbe. Es war die einzige Konstante in einer unbeständigen Biosphäre."

Überraschend beginnt die Biografie mit einer Episode aus dem Lebenslauf des Biografen. Fortey berichtet von seiner ersten Expedition nach Spitzbergen, die den Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn markierte. Zu zweit am Ufer der Hinlopenstretet abgesetzt, galt es zwischen den Schneestürmen Gesteinsformationen aus dem Ordovizium abzuklopfen. Die Entdeckung Dutzender neuer Arten war der Lohn, der nach getaner Arbeit sogar die geschmacklosen getrockneten Fleischriegel zu einem Festmahl werden ließen. Das Leben gibt sein Tagebuch zuweilen nur gegen Entbehrung und an unwirtlichen Orten preis. (In einer seiner humorvoll-bissigen Beschreibungen von Kollegen merkt Fortey neidisch an, dass der Korallenforscher Brian Rosen nur auf tropischen Inseln oder in Italien forsche, "begleitet vom Singen der Zikaden und vom fröhlichen Geplauder unter einer Pergola".) Das einleitende Kapitel ist ein rhetorisches Glanzstück, denn der unterhaltsame Expeditionsbericht gibt nicht nur die Faszination der Forschung unter extremen Bedingungen wieder, sondern dient zugleich als Sinnbild für die gesamte Biografie: Er zeigt, wie jeder Lebensweg geprägt ist durch Rückschläge und Überraschungen, und wie bedeutende Ereignisse mit dem Trivialen eng verbunden sind.

Nach dem vielversprechenden Auftakt folgen die weiteren elf Kapitel ganz konventionell und chronologisch dem Evolutionsgeschehen. Detailliert, aber verständlich schildert Fortey die Neuerungen und Krisen im Lebenslauf auf dem heutigen Stand der Forschung und weist auf offene Kontroversen hin. Die Dinosaurier fehlen ebensowenig wie die Debatte um den Burgess-Schiefer; die unscheinbaren Conodonten haben ihren Platz genauso wie die Entwicklung der Kladistik. Auf Literaturhinweise zur vertiefenden Lektüre wurde leider verzichtet. Statt dessen bemüht sich Fortey, die vielen Fakten durch persönliche Erfahrungen, literarische Zitate und anschauliche Vergleiche unterhaltsam aufzulockern. Das ist im Großen und Ganzen gelungen, nur sind etliche Metaphern schief und scheinen eher Selbstzweck als didaktisch motiviert zu sein. Nach einem Vergleich, der dem Gesagten nichts Erhellendes hinzufügt, muss sich der Autor gar rechtfertigen: "Diese Metapher mag nicht sehr originell sein, aber sie trifft." Eine Metapher, die nichts zeigt, auch wenn sie trifft, ist überflüssig.

Vielleicht hat Fortey befürchtet, die Lebensgeschichte aus der Sicht des Paläontologen würde ohne ein Übermaß rhetorischer Anstrengung allzu trocken wirken. Am überzeugendsten schreibt er jedoch dann, wenn er von seinen Forschungsreisen oder der Geschichte seiner Wissenschaft berichtet. Die Steine zum Sprechen bringen - das ist eine Kunst, die Fortey beherrscht und die dafür entschädigt, dass einige entscheidende Evolutionsschritte nur beiläufig Erwähnung finden. Für die Bildung von sich replizierenden Molekülen oder die Entstehung sexueller Fortpflanzung hat der Fossilienforscher nicht viel übrig. Er liest die Geschichte des Lebens im Gestein, nicht im Genom.

Damit einher geht ein (vielleicht bewusst in Kauf genommenes) Theoriedefizit. Fortey beschreibt das Leben in der Vielfalt seiner Erscheinungen, anschaulich und faktenreich, lässt aber das vermissen, was von einem Biografen erwartet wird: die Chronik der laufenden Ereignisse als Entwicklung begreiflich zu machen. Natürlich tut er gut daran, dem Evolutionsgeschehen keine Teleologie unterzuschieben. Doch Fortey betont den Zufall (z.B. durch klimatische oder geografische Veränderungen) so sehr, dass die Geschichte des Lebens als völlig kontingent erscheint. Wenn man das Leben schon personifizierend zum Protagonisten auserwählt, so ließe sich doch - bei aller darwinistischen Einsicht - cum grano salis auch von Lebenschancen, von Talenten reden, die bei Gelegenheit ergriffen und genutzt werden. Richard Dawkins hat in der umstrittenen Formel vom "egoistischen Gen" eine von vielen möglichen solcher Lesarten pointiert zusammengefasst.

Zwar gibt es genug populärwissenschaftliche Bücher über die Evolutionstheorie; aber in einem großangelegten Band über das Leben kann man die Dikussionen über ihre Deutung nicht so einfach übergehen. Auch die Frage, was Leben ist (und ob das irdische Leben ein Einzelgänger im Universum ist), wird von Fortey nicht wirklich gestellt. Er betont zum Beispiel die Bedeutung von Kontinuität und Wandel, kann daraus aber kein Deutungsmuster entwickeln.

Die fehlende Reflexion darüber, was Leben ist und wie die Evolution zu deuten sei, dürfte auch der Grund für manche Widersprüche sein, die entstehen, wenn man die Metaphern ernst nimmt. Gegen Ende vergleicht Fortey Ravels "Bolero" mit dem Fortgang des Lebens - von gleichmäßigem Rhythmus und ständigem Crescendo kann aber nicht die Rede sein, wie der Leser aus den vorangegangenen Kapiteln über evolutionäre Schübe und Katastrophen erfahren hat. Und wenn Fortey Wert darauf legt, dass sich das Leben seine eigene Umwelt geschaffen hat, so steht am Schluss des Buches doch das Bild des Lebens als duldender Natur und nicht als schöpferischer Prozess. Ob Klimaveränderungen oder Meteoriteneinschläge, Zufallsereignisse oder menschliches Handeln: "Das Leben wird das alles verkraften."

Forteys erzählerische Hand verzichtet in übermäßiger Zurückhaltung darauf, ihren Gegenstand zum Charakter zu formen. Sein Buch ist nicht die versprochene Biografie, sondern - und das ist nicht wenig - ein lesenswerter, sorgfältig kommentierter Auszug aus dem Tagebuch der ersten vier Milliarden Jahre Leben auf diesem Planeten.

Achim Bahnen


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