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Buchkritik zu: Leah Hager Cohen, Glas Bohnen Papier. Dinge des Alltags und was sie uns lehren. Piper: München 1998. ![]() |
Die ZEIT vom 28.05.1998, Seite 39
Erkundungsreise beim FrühstückLeah Hager Cohen macht sich Gedanken über die Dinge des globalen AlltagsManuskriptfassung!Wer sich morgens schläfrig hinter Zeitung und Kaffee vor dem Alltag und der Welt verschanzen will, sollte dieses Buch nicht lesen. Denn schon beim Frühstück beginnt Leah Hager Cohen ihre Erkundungsreisen: woher stammt das Holz für das Zeitungspapier, wer hat die Kaffeebohnen angebaut, und wo wurde das Glas gefertigt, aus dem sie in Boston ihren Kaffee trinkt? Von kindlicher Neugier getrieben begibt sie sich auf die Suche nach drei Menschen, die an der Entstehung dieser Produkte beteiligt waren, und fügt dazwischen Passagen zur Kulturgeschichte und kulturkritische Reflexionen ein. Bündig schildert Cohen die Entwicklung der Glasherstellung, der Papierproduktion und des Kaffeeanbaus. Wo der historische Verlauf nicht restlos aufgeklärt ist, werden Hypothesen und Legenden nebeneinander gestellt. Unstimmigkeiten in der Überlieferung bereiten der Autorin ein ausgesprochenes Vergnügen, geht es ihr doch um den Reichtum jener "Geschichte der Vermutungen, der Rätsel und der Sehnsüchte", die sie im morgendlichen Stilleben aufspüren will. Das alles ist mit leichter Hand geschrieben, interessant und frei von oberlehrerhaften Tönen, die der Untertitel befürchten läßt. Fast möchte man das Ganze harmlos nennen - zu unspektakulär sind die Geschichten, nicht originell genug die Analysen. Das Stichwort Warenfetischismus zum Beispiel hat heutzutage keinen allzu großen Streitwert mehr. Seinen Reiz aber gewinnt das Buch aus Cohens präziser, zuweilen poetischer Beschreibungskunst. Schon in ihrem Erstling über das Leben gehörloser Kinder hatte die Autorin ihre Fähigkeit zum aufmerksamen und einfühlsamen Erzählen unter Beweis gestellt. (Leider ist das in den USA hochgelobte Buch noch nicht ins Deutsche übersetzt.) Nun bringt sie mit ebendieser Genauigkeit die Dinge des Alltags zum Sprechen. Im Vergleich zu manchem Feierlichkeitsapostel der Dichterzunft bleibt Cohen jedoch innerweltlich-nüchtern. Wenn Brent Boyd im Süden Kanadas die vielen Knöpfe und Hebel seines Einhand-Harvesters FMG-Timberjack 990 bedient, ist für Holzfällerromantik kein Platz. Brent sagt zwar noch "ich arbeite in den Wäldern", aber er ist froh, daß er jeden Abend zu seiner Familie zurückkehren kann und nicht wie viele seiner Vorfahren im Wald übernachten muß. Unterdessen bestaunt Brents Großvater den Einsatz hochmoderner Technik, hat aber für die teuer bezahlte Möglichkeit, damit in "selektiver Ernte" nur die maroden Bäume auszuwählen, nicht viel Verständnis; schließlich habe man früher stets die stärksten und ertragreichen Bäume gefällt. Umweltprobleme und Generationenkonflikte kommen so nur beiläufig in den Blick. Grafiken mit Recyclingquoten findet man ebensowenig wie Vorschläge zur Reform der Weltwirtschaftsordnung. Aber wenn Cohen erzählt, wie Basilio Salinas Martinez im mexikanischen Pluma Hidalgo beginnt, neben dem eigenen Kaffeeanbau Verantwortung in der noch jungen Kooperative der Ureinwohner zu übernehmen; wenn sie schildert, wie Ruth Lamp sich bemüht, den Arbeitern ihrer Glasfabrik in Ohio bei Familienproblemen freizugeben, ohne daß die Betriebsleitung sich beschwert - dann steht mit einem Mal jene Lebenswirklichkeit im Mittelpunkt, die nicht nur ökonomischen Debatten leicht abhanden kommt. In einer Zeit, in der Politiker die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nur noch als abstrakten Standortfaktor kennen, tut solcher Realismus not. Und er überzeugt, weil Cohen ihre Protagonisten nicht zu falschen Helden stilisiert. Sie tun ganz einfach ihren Job und werden so an einem Frühstückstisch in Boston virtuell zusammengeführt. "Es ist das Alltägliche, das ich als die neue Welt sehe", bekennt Peter Handke in seiner "Niemandsbucht". Auch Leah Hager Cohens Poesie des Alltags öffnet dem Leser eine Welt: Es ist die alte Welt der Arbeit, deren Produkte uns ständig umgeben. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
Die Zeit
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