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Buchkritik zu:
Stuart Kauffman,
Der Öltropfen im Wasser.
Piper: München 1996.

Ordnung zum Nulltarif

Stuart Kauffman erforscht Komplexität und spielt den Ketzer

Manuskriptfassung!

Willkommen Zuhause. Für alle, die sich in den Weiten des Weltalls einsam und verlassen fühlen, hat Stuart Kauffman eine frohe Botschaft: Das Universum ist unsere Heimat.

Kauffman ist kein Wanderprediger, sondern Wissenschaftler. Ausgebildet als Mediziner und Biologe, derzeit am Santa-Fe-Institut in New Mexico tätig, hat er sich vor allem mit Computersimulationen zu autokatalytischen Systemen einen Namen gemacht. Er gilt als Vordenker einer Wissenschaft vom Komplexen, deren Ziel ihm zufolge "eine allgemeine Theorie der Emergenz" ist.

Leben, zumal bewußtes, besitzt in hohem Maße Komplexität: die Fähigkeit, sich an geänderte Bedingungen anzupassen und qualitativ neue Eigenschaften hervorzubringen. In den Simulationen von Kauffman und Kollegen zeigen sich ähnliche Phänomene. Ab einer gewissen Größe des Systems beginnen sich etwa abstrakte Molekülverbände autokatalytisch abzuschließen: Sie erhalten die entstandene flexible Organisationsstruktur und reproduzieren sich selbst. In einem heute gern gebrauchten Bild ausgedrückt, bewegen sie sich "am Rand des Chaos".

Die Bedingungen für ein derartiges Verhalten sind nach Kauffman so gering und allgemein, daß er von "Ordnung zum Nulltarif" spricht. Eine irreführende Bezeichnung, denn thermodynamisch muß natürlich dafür bezahlt werden: Es wird Wärme frei. Da hilft es wenig, wenn Kauffman die Thermodynamik zum Teufel schicken will. "Nulltarif" soll lediglich heißen: nicht durch natürliche Selektion entstanden. Die Darwinsche Evolutionstheorie ist demnach - nicht zum ersten Mal - zu ergänzen. Wohlgemerkt: zu ergänzen, nicht zu ersetzen.

Das weiß auch Kauffman, doch er gefällt sich in der Ketzerrolle und warnt den Leser kokett vor seinen "häretischen" Ansichten, als habe er allein die Selbstorganisation erfunden. Die Identifizierung der Computermodelle mit realen Systemen führt ihn zu kühnen Hypothesen: über den Ursprung des Lebens, die Ontogenese, die Entstehung von Kreativität sowie Ordnung in Wirtschaft und Gesellschaft. Leider fehlt bislang - und das gilt für einen Großteil seiner Komplexitätskollegen - so gut wie jeder empirische Beleg für seine Vermutungen.

Nun lebt Wissenschaft von Hypothesen und braucht zuweilen auch Visionen. Doch Wissen und Wünschen sollte man sauber trennen. An einigen Stellen spricht Kauffman selbst bescheiden von einer "Arbeitshypothese"; es sei noch viel zu früh, deren Gültigkeit zu beurteilen. Dann wiederum liefert die Wissenschaft von der Komplexität dem erstaunten Leser "Beweise" (!) dafür, daß es sich bei der pluralistischen Demokratie "um einen Teil der natürlichen Ordnung der Dinge handelt".

Statt Beweisen folgt der Zauberstab der Analogie, den die Komplexitätstheoretiker wie weiland Novalis gerne schwingen. Die Magie der Metaphern tut ihr übriges. Mit ihnen werden der Wissenschaft Flügel verliehen, so daß sie Sinnstiftung und Politikersatz bieten kann. Mit naturwissenschaftlicher Kompetenz wird dann verkündet, vernünftiges Handeln sei global nicht möglich; aber das macht nichts, dank Ordnung zum Nulltarif sind wir ja im ganzen All zu Hause. "Lächelnde Ironie", so des Forschers Orakelmund, ist unser Schicksal.

Dabei mag man Kauffman, der seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verlor, den Appell an das Heilige und zur "Verklärung" unseres irdischen Aufenthalts gar nicht vorhalten. Wenn jedoch die Naturwissenschaft (die uns, nach guter alter Newage-Lesart, als böse einst "aus dem Paradies vertrieben" hat) den Sinn des Daseins klären soll, kann einem bei soviel Verquickung von Erkenntnis und Interesse schon mulmig werden.

Kein Zweifel: Der Bedarf nach Deutung, die Sinnbedürfnisse sind da; der Zusammenhang unseres Wissens, Tuns und Hoffens steht zunehmend in Frage. Wissenschaftliche Schriftstellerei, die sich - inzwischen als "dritte Kultur" gefeiert - vor breitem Publikum zu den höchsten Fragen aufschwingt, wandert daher auf einem schmalen Grat. Stuart Kauffman zeigt, wie man ihn verfehlen kann.

Achim Bahnen


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