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Buchkritik zu: Adriano Pessina, Bioetica. L'uomo sperimentale. Bruno Mondadori: Mailand 1999. |
Universitas 10/99, Seite 1017 f.
Manuskriptfassung!Es gibt einen anti-bioethischen Affekt. Er macht die Bioethik für jene Entwicklungen und Probleme mit verantwortlich, die sie begutachtet und bestenfalls zu lösen versucht. Doch eine akademische Disziplin kann allein den Fortschritt nicht in allgemein gewünschte Bahnen lenken. Was alle angeht, können nur alle lösen. Das Dürrenmattsche Diktum, ursprünglich auf die Physik gemünzt, gilt umso mehr im Umkreis der Medizin- und Biotechnik: Hier geht es direkt um den Menschen, und jeder Mensch ist potenziell betroffen. Für Adriano Pessina hat die Bioethik in der Tat eine wichtige öffentliche Funktion. Ob ihr wirklich das Verdienst zukommt, "den Philosophen, der in jedem Menschen schlummert, wieder zu erwecken" (S.XV, Übersetzung des Rezensenten), sei dahingestellt; über Sterbehilfe und Klonierung würde wohl auch ohne akademische Diskursvorgaben diskutiert. Doch die Bioethik nimmt sich dieser konkreten Problemfelder aus philosophischer Perspektive an, unterstreicht ihre anthropologische wie ontologische Bedeutung und verleiht, so Pessina, zum ersten Mal wieder dem Bedürfnis nach einer philosophischen Synthese Ausdruck. Man könnte auch sagen: Der Bedarf an Bioethik ist ein Bedarf an Sinnstiftung für den "experimentellen Menschen". Pessina, Dozent an der Katholischen Universität in Mailand, unterteilt sein Buch in zwei Teile; genauer betrachtet sind es drei: eine "meta-bioethische" Betrachtung über Ursprung, Bestimmung und Zielsetzung der Bioethik im technologischen Zeitalter (Kap. 1-3); Ansätze zu einer anthropologischen Grundlegung mit Diskussion des Personbegriffs (Kap. 4-5); und schließlich die Diskussion einzelner Anwendungsfelder, von der Gentherapie über neue Reproduktionstechniken bis hin zu Behandlungsabbruch und Hirntod (Kap. 6-10). Überzeugend ist der erste Teil: Weit davon entfernt, eine "kleine Anwendungsethik" (G. Altner) zu entwerfen, verpflichtet Pessina die Bioethik auf nichts weniger als "kritisches Bewußtsein der technologischen Zivilisation" zu sein (41). Ihre Aufgabe sei durch die "tecnoscienze" bestimmt, jene durch hochtechnisierte Experimente charakterisierten Wissenschaften, in denen eine starke Wechselwirkung zwischen dem technischen und dem Erkenntnismoment bestehe, so dass die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und Anwendung obsolet werde (19 Anm.). Pessina nimmt dabei einige Motive der Technikanalyse Heideggers auf. Die Technik sei zwar auch Instrument, ihre Struktur aber nicht bloß instrumentell; sie führe letztendlich zur Bildung eines ausschließlichen und selbstreferenziellen Erkenntnishorizonts. Durch diesen starken Selbstbezug der Technik werde alles Kontingente, d.h. nicht Hergestellte bzw. nicht Herstellbare marginalisiert. Vor allem aber suggeriere er, dass alle von der Technik aufgeworfenen Probleme rein technischer Natur und somit technisch lösbar seien. Dagegen betont Pessina - völlig zu Recht - den moralischen Charakter der anstehenden Fragen. Der Anwendung moderner Technologien im Bereich von Biologie und Medizin kommt dabei besondere Bedeutung zu, da sie in zweifacher Hinsicht universell ist: der ganze Planet ist betroffen und das Leben in all seinen Formen. Durch die starke Akzentuierung des technologischen Aspekts wird einerseits der Gegenstandsbereich der Bioethik eingeschränkt: viele (nicht entscheidend technisch geprägte) Felder der Medizinethik bleiben ausgespart. Andererseits gewinnt die Bioethik dadurch eine paradigmatische Funktion: sie etabliert sich als kritisches Bewusstsein der technologischen Zivilisation gerade in dem Bereich, wo die conditio humana am offensichtlichsten betroffen ist. Dieser hohe Anspruch wird in den folgenden beiden Teilen nur bedingt eingelöst. Zwar weist Pessina die Verselbständigung und Absolutsetzung technischer Kategorien wie Machbarkeit, Nützlichkeit und Effizienz immer wieder in die Schranken moralischer Reflexion. Seine Diskussion widerstreitender moralischer Ansätze zeigt jedoch immer wieder Argumentationslücken, wie am Beispiel der Debatte um den Personbegriff deutlich wird. Pessina kommt dabei zu dem Ergebnis: "das menschliche Wesen ist strukturell eine Person", und diese Eigenschaft "hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von seiner Herkunft", weshalb Pessina den Gebrauch des Personbegriffs am liebsten gleich unterbinden würde, damit zwischen Personen und Menschen erst gar nicht unterschieden werden kann (89f.). Doch soll der Speziesismus nicht nur zu dieser Seite hin verteidigt werden, dass alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens Personen sind, sondern zugleich will Pessina andere Tiere vom Personenstatus ausschließen. Dabei unterläuft ihm jedoch mehrfach ein schlichter speziesistischer Fehlschluss, indem er in der Begründung dort vom "Homo sapiens" spricht, wo man ebenso (und zutreffender) von "Personen" reden könnte. Die Tatsache, dass einzig und allein Homo sapiens anderen Tieren beispielsweise ein Lebensrecht zugestehen kann, liegt vermutlich rein kontingenterweise daran, dass Schimpansen das Sprechen und abstrakte Denken (noch) nicht genug entwickelt haben. Überzeugender ist es, zu sagen, dass nur Personen anderen (Personen und Nicht-Personen) Rechte zugestehen können, wenngleich damit noch nichts darüber entschieden ist, wer nun Person ist und wer nicht; dafür wären eigene Kriterien anzugeben. Erstaunlich ist wieder einmal, wie leichtfertig ein Autor, der das menschliche Leben von Anfang an (ab dem Zeitpunkt der Befruchtung) maximal schützen will, den Lebensschutz am Lebensende verkürzt. Für Hans Jonas war die Neubestimmung des Todes der wichtigste Anwendungsfall kritischer Reflexion; Pessina, der Jonas sonst stets zustimmend zitiert, widerspricht ihm gerade hier. Zwar weigert er sich zäh, den irreversiblen Ausfall aller Gehirnfunktionen ("Hirntod") mit dem Tod des Menschen rundum gleichzusetzen, doch er schreibt wörtlich: "der Hirntod fällt mit dem Tod des menschlichen Wesens in einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung zusammen" (167f.). Damit soll der rein wissenschaftliche Charakter der Aussage gewahrt und von anthropologischen Wertungen freigehalten werden. Solche Subtilitäten werden vermutlich all jenen Lesern verschlossen bleiben, die nicht auf katholischen Universitäten geschult wurden. Sie erhalten bei Pessina einen guten Einblick in die katholische Lehrmeinung, mit der er in allen hier behandelten bioethischen Fragen übereinstimmt. Sein ehemaliger Mailänder Kollege, der Rechtsphilosoph Luigi Lombardi Vallauri, nimmt sich von Zeit zu Zeit etwas mehr Gedankenfreiheit heraus; ihm wurde vom Vatikan die Lehrbefugnis entzogen. Kein Wunder, dass Vallauris skeptische Aussagen zum moralischen Verbot menschlicher Klonierung bei Pessina keine Erwähnung finden. Die bioethische Diskussion in Italien kennt klare Fronten, die erst kürzlich wieder bei der gesetzlichen Regelung künstlicher Befruchtungsmethoden aufeinander trafen: "laizistische" Positionen auf der einen, "katholische" auf der anderen Seite mit ihrem einflussreichsten Strategen Elio Sgreccia an der Spitze. Monsignore Sgreccia, gleichsam der Bioethik-Minister des Vatikans, hat es immer wieder geschafft, das Nationale Bioethik-Komitee Italiens im wesentlichen auf die katholische Lehrmeinung festzulegen. Mehr als Linientreue durfte man von Adriano Pessina daher wohl nicht zu erwarten. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
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