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Buchkritik zu:
François Jacob,
Die Maus, die Fliege und der Mensch.
Über die moderne Genforschung.
Berlin Verlag: Berlin 1998.

Cover


Manuskriptfassung!

Im August 1965 findet im tschechischen Brünn ein bemerkenswertes Treffen statt. Genetiker aus aller Welt kommen zusammen, um die Geburtsstunde ihrer Disziplin zu feiern. Hundert Jahre zuvor hatte Gregor Mendel seine erste Abhandlung über die Vererbung der Erbse geschrieben. Den Forscher Mendel ehrt das hochkarätige Kolloquium; dem Mönch zu Ehren wird in der Kathedrale ein Gottesdienst gefeiert.

Unter den Gästen ist François Jacob, der im gleichen Jahr den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhalten wird. Der unerhörte, befremdliche Charakter des Geschehens bleibt ihm, der sonst eifrig Bakterienkulturen studiert, nicht verborgen. Die Wissenschaftsgemeinde teilt sich in drei Gruppen: Zur Linken hundert Amerikaner, verwundert und erfreut, in einem kommunistischen Land an einer Messe teilzunehmen; darob nicht weniger erstaunt zur Rechten hundert Russen, verunsichert, wohl auch verärgert. "Und überall verstreut an die hundert europäische und tschechoslowakische Wissenschaftler, verlegen über ihre Situation zwischen den beiden Blöcken." Trompeten erschallen, der Bischof zieht ein. "Der Prager Frühling ist tatsächlich angebrochen."

Wie Jacob hier nach über drei Jahrzehnten in wenigen Zeilen Geschichte lebendig werden läßt, ist literarisch brillant. Schon die vor zehn Jahren erschienene Autobiographie "Die Innere Statue" war ein Muster stilistischer Eleganz. Der Mann der Wissenschaft, der science, ist zugleich ein homme des lettres, der sich in Mythologie und Geistesgeschichte so souverän bewegt wie in seinem Pariser Labor.

Im Institut Pasteur hatte der 1920 in Nancy geborene Jacob nach Kriegsende mit dem zehn Jahre älteren Jacques Monod ein kongeniales Forschertandem gebildet, dessen "Entdeckungen bezüglich der genetischen Kontrolle der Enzym- und Virensynthese" beiden in Stockholm - gemeinsam mit André Lwoff - höchste Ehren eintrug. Das sogenannte Operon-Modell erklärte die Regulation der Genexpression bei Bakterien, also den Umstand, daß in jeder Zelle zwar alle Gene des Organismus vorhanden sind, aber immer nur ein spezifischer Teil aktiv ist. In der Wissenschaft produziert jede Antwort neue Fragen; die Wege des Erfolgsduos trennten sich. Jacob richtete sein Interesse in der Folge auf die Maus, das kleinste aller Säugetiere.

Der Wechsel des Forschungsgegenstands war ein großer Schritt in der Praxis, ein kleinerer für die Theorie. Denn die Erbsubstanz besitzt (neben dem identischen Ausgangsmaterial an Nukleotiden) in allen Organismen eine große Strukturähnlichkeit. "Die gesamte lebende Welt läßt sich also mit einer Art riesigem Baukasten vergleichen." (S.109) Maus, Fliege, Mensch - drei Permutationen im Reich der Schöpfung, die Jacob bei seinem Gang durch die Geschichte der Genforschung als Wegmarken nimmt. Maus und Fliege ist jeweils ein Kapitel gewidmet; die über den Menschen aber heißen "Das Gleiche und das Andere", "Das Gute und das Böse", "Das Wahre und das Schöne". Mit Esprit erzählt Jacob von seiner Wissenschaft (für deren Fortschritt er einst sogar Bakterien zum Coitus interruptus in den Küchenmixer steckte); heiter und weise reflektiert er über ihre Voraussetzungen und Konsequenzen.

Obwohl Jacob die Gefahren der Gentechnologie für überschaubar hält - vergleichbar jenen, "die man seit langem schon in Experimenten mit Bakterien und pathogenen Viren gemeistert hat" (S.149) -, nimmt er das Mißtrauen ernst. Man schaue nur auf die Darstellungen des Jüngsten Gerichts: schreckliche Monster und widernatürliche Hybriden bevölkern die Hölle. Maler wie Hieronymus Bosch erzeugten beim Betrachter Abscheu, indem sie "der Ordnung unserer alltäglichen Welt die Unordnung einer phantastischen Welt" gegenüberstellten. Es sind uralte, mythisch verwurzelte Alpträume, die heute wachgerufen werden. "Am skandalösesten wird wohl der Nachweis empfunden, daß es so leicht ist, an jener Substanz herumzubasteln, die an der Wurzel des Lebens selbst liegt. Daß es so einfach ist, mit dem herumzuspielen, was die wunderbarste Geschichte und das verstörendste Problem dieser Welt bleibt: die Entstehung eines menschlichen Wesens [...] Läßt sich eine phantastischere Geschichte vorstellen?". (S.150f.)

Dem Genforscher ist vor der Genmanipulation nicht bang, aber er hat sich ein Gespür für das Geheimnis bewahrt, das Schritt für Schritt gelüftet wird - und dabei nur noch unbegreiflicher zu werden scheint. "Doch nicht die Erkenntnis ist gefährlich, sondern die Unkenntnis." (S.158) Hier zeigt sich Jacob ganz als Erbe französischer Aufklärer. Und im Gegensatz zu etlichen Kollegen, die dem Volk nicht recht trauen wollen, wo nur Eliten Durchblick hätten, ist er von Grund auf Demokrat: "Bei Fragen von solcher Tragweite ist es in keinem Fall Sache des Wissenschaftlers zu entscheiden. Sondern der Gesellschaft. Der Bürger." (S.160f.) Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, die Situation (verständlich!) zu erklären, Chancen und Gefahren aufzuzeigen. Nichts verschweigen. Und keine Illusionen wecken. Verantwortung ist für Jacob keine Zugabe, sie gehört zum Kern des Forschungsethos. Der Wissenschaftler ist es schuldig, die Wahrheit zu sagen. "Aber die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit." (S.159)

Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, und ist es heutzutage immer weniger. Man muß nicht nur an Forscher denken, die an Biofirmen beteiligt sind und im Loyalitätskonflikt den Reingewinn der reinen Wahrheit vorziehen. Auch als Weltendeuter und Sinnstifter, neuerdings unter dem Titel einer "dritten Kultur", verkaufen Naturwissenschaftler gerne Wahrheiten, die nicht dem Reich des Wissens sondern wilder Spekulation entstammen. Für solch postreligiöses Prophetentum ist Jacob nicht zu haben. "Die Gefahr für den Wissenschaftler besteht darin, daß er die Grenzen seiner Wissenschaft und damit seines Wissens nicht erkennt." (S.157) Das hindert ihn aber nicht, diese Grenzen auszuloten und zum Dialog zu öffnen. Wenn eine künftige "dritte Kultur" die Sphären literarischer, humanistisch gebildeter Intelligenz und der Naturwissenschaft nicht gegeneinander ausspielen oder erstere gar eliminieren soll, sondern beide zu einem verständnisvollen, konstruktiven Gespräch zusammenzuführen sucht - dann ist François Jacob schon jetzt ihr hervorragendster Vertreter.

Achim Bahnen


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