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Buchkritik zu:
Erwin Chargaff,
Ernste Fragen. Essays.
Klett-Cotta: Stuttgart 2000.

Cover


Hoffnung an den geraden Tagen

Erwin Chargaff stellt ernste Fragen und will langsam gelesen werden

Manuskriptfassung!

Man könnte ihn für einen großen Grantler halten, besäße er nicht diesen ausgeprägten Sinn für Humor und Ironie, nicht diesen Spaß an Witz und Sprache. Unverdrossen schleudert Erwin Chargaff seine Sprachblitze gegen die heutige Welt und ihre Sterblichen, denen er, soeben fünfundneunzig Jahre alt geworden, im dreizehnten Stock am Central Park in New York inzwischen fast entrückt erscheint. Doch ist es nicht das Alter, das ihn zu einem Solitär macht, sondern die kompromisslose Kritik sowie ein heute - zumal unter Naturwissenschaftlern - nur noch selten anzutreffender Bildungshorizont. Chargaff, einer der Wegbereiter zur Aufdeckung der DNS-Doppelhelixstruktur, ist nicht nur geografisch emigriert: "Ich bin wahrscheinlich der einzige Biochemiker, der William Blake liest", behauptete er in gewohnter Zuspitzung erst kürzlich in einem Interview.

Die neue Essay-Sammlung ist die überarbeitete Übersetzung eines Bandes, der schon in den achtziger Jahren im englischen Original erschien. Kleine Versuche über Begriffe, die Chargaff sich gelegentlich in einem Notizbuch zur späteren Bearbeitung vermerkt hatte. Als die "Serious Questions" damals übersetzt werden sollten, schrieb Chargaff statt dessen eine neue Folge, die als "Alphabetische Anschläge" veröffentlicht wurde. Jetzt wird auch der erste Teil auf deutsch zugänglich und das Alphabet um 31 Einträge erweitert.

Ernste Themen sind fürwahr darunter: von Holocaust, Krieg und Tod handeln drei der Einträge. Doch auch bei "Zauberflöte" findet sich kein altersschwaches Schwelgen in k.u.k.-Opernerinnerungen, sondern eine bissige Polemik gegen Gehirnwäsche-Forschung des CIA, die den Band mit einer feinen Pointe ausklingen lässt. Nein, heiteres, unbeschwertes Plaudern ist Chargaffs Sache wirklich nicht. "Die größte Traurigkeit, die schon an die große Niedergeschlagenheit grenzt, ist die Traurigkeit des Alterns." Dass die Tristitia, der diese Reflexion gewidmet ist, unter die Todsünden zählt, mag Chargaff nicht begreifen. "Der Herbst der Seele muss nicht ihr Niedergang sein." Die Trauer über Verlorenes ist Chargaff stets auch Antriebskraft gewesen, da sie mit der Hoffnung Hand in Hand geht. Zwar bezeichnet er sich als notorischen Pessimisten, als "Hausierer der Trübsal". Doch am Ende ist Erwin Chargaff vor allem ein großer Skeptiker, der die unbestimmte Hoffnung nicht fahren lassen will, sowohl was das eigene Nachleben betrifft als auch die Rettung für die hiesige Welt.

"Welche Form die Rettung annehmen könnte - wer kann das sagen? Aber ich glaube, zumindest an den geraden Tagen des Monats, dass sie kommen wird." Und sogar von wem sie zu erwarten ist, glaubt Chargaff zu erkennen: von den Amateuren, den Unklassifizierbaren, die "der lächerlichen Ehrfurcht vor dem Spezialistentum" entsagen. Notorische Einzelne, Montaigne-Typen, die vor allem eine Fähigkeit besitzen: "die Unfähigkeit, Scheuklappen zu tragen".

Am Ende kreisen die Gedanken des großen Scheuklappenverächters immer um die gleichen Grundmotive: den Verfall der Kultur, das hypertrophe Spezialistentum einschließlich der Überschätzung der Naturwissenschaften. Umso mehr erstaunt es wieder einmal, wie wenig redundant die Stücke sind. Ob die Stichwörter nun "Dekadenz" und "Massenmedien" heißen oder "Schwindel, in den Wissenschaften und anderswo" und "Wissensindustrie": Stets zeigt Chargaff sich als fintenreicher Essayist, findet einen neuen Ansatzpunkt und unerwartete Wendungen - wie ein Chemiker in immer neuen Versuchsanordnungen zerlegt er die Begriffe (bevorzugt im Säurebad der Etymologie), um sie dann heftig reagieren zu lassen. Dabei ist dem Verehrer der Alchemie der Weg nicht minder wichtig als das Ziel, was in der Leseanweisung deutlich wird: "Es war ein langsam gewachsenes Buch und sollte langsam gelesen werden." Diese Texte sind keine radioaktiven Elemente: Sie kennen vorerst keine Halbwertszeit, und leider, so ist zu befürchten, kontaminieren sie ihre Umwelt nicht so schnell wie die binnen Wochenfrist verfallenden Produkte der Chargaff verhassten Werbetexter und PR-Agenturen, die dem "kategorischen Superlativ" gehorchen.

Dennoch atmen die Texte eine Frische, die sich der Klarheit des Autors verdankt und in der Übertragung von Joachim Kalka nichts verloren hat. Auch wenn man einigen Stellen (bei Seitenhieben auf den "derzeit regierenden Opa", gemeint ist Ronald Reagan) den Entstehungskontext der achtziger Jahre anmerkt, wirken die Versuche niemals überholt, im Gegenteil. Chargaff kann es getrost mit Karl Kraus, seinem Lehrer in Sachen Sprache und Kritik, halten. Man müsse wohl warten, bis seine Texte veraltet seien: "Dann werden sie möglicherweise Aktualität erlangen."

Achim Bahnen


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