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Kommentar zum Transplantations-
gesetz


Eine Frage von Leben und Tod

Transplantationsgesetz: Sterbende werden zu Unpersonen

Manuskriptfassung!

Als Otto Schily ans Rednerpult tritt und gleich im ersten Satz von den "Klüftungen des Todes" spricht, bekommt die Debatte mit einem Schlag ein neues Gewicht. Schon vorher ist von Leib und Seele, Geist und Körper die Rede gewesen - schließlich geht es beim Transplantationsgesetz um Leben und um Tod. Doch als das Parlament sich endlich und mit Ernst den Fragen stellt, da weichen viele aus. Naturwissenschaft und Medizin, an die allein will man sich halten; die wüßten schon Bescheid. In diese sich breitmachende Sicherheit hinein fällt Schilys Mahnung, die "Menschenwissenschaft" stehe womöglich "erst am Anfang". Man hat ihm nicht geglaubt.

Mit Zweidrittelmehrheit legte der Bundestag die Definition des Todes in die Hand der Ärzte und akzeptierte dadurch unausdrücklich-unaufrichtig die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen, das sogenannte Hirntodkonzept. Dies allein schon würde das Gesetz zu einem alles andere als weisen Beschluß machen. Wenngleich noch in der Minderheit, so ist die Kritik am Hirntodkonzept viel zu qualifiziert, um als unverständiger Fundamentalismus abgetan zu werden. Die Lebenszeichen am hirntoten Körper lassen sich nicht wegdefinieren. Doch nun hat man mit Erfolg am Menschenbild gefeilt und Sterbende zu Unpersonen gemacht.

Nun hat man mit Erfolg am Menschenbild gefeilt und Sterbende zu Unpersonen gemacht

Das wiegt umso schwerer, als es ohne Not geschehen ist. Es hätte ausgereicht, den Hirntod als Entnahmekriterium für eine Organtransplantation ins Gesetz zu schreiben. Darin sind sich führende Straf- und Verfassungsrechtler einig, die zugleich vor dem Rechtsausschuß eindringlich davor warnten, den Hirntod darüber hinaus als Todeskriterium festzulegen. Es ist schon verrückt: Seit Jahren befragt der Gesetzgeber mit schöner Regelmäßigkeit das Karlsruher Orakel, als sei es die institutionalisierte Menschenwürde selbst. Und nun, wo es einmal wirklich um Grundsatzfragen unserer Rechtsordnung, wo es um das Menschenbild geht, werden gravierende grundrechtliche Einwände ganz einfach ignoriert.

Die Ärzte wollten mehr. Es genügte ihnen nicht, bei festgestelltem Hirnversagen straffrei Organe entnehmen zu dürfen. Sie wollten hören, daß der Hirntod auch der Tod des Menschen sei. In einer beispiellosen Kampagne wurde gebetsmühlenhaft wiederholt, ohne diese gesetzliche Todesdefinition könne nicht mehr transplantiert werden. Das ließ sich durchaus als Erpressung verstehen und versperrte sich nicht nur der juristischen Vernunft. Auch das ärztliche Ethos verbietet Eingriffe in das Leben nicht kategorisch. Jede Abtreibung ist eine Tötung, die aber unter ganz genau definierten Bedingungen straffrei bleibt.

Analog hätte man es mit hirntoten Sterbenden halten können, die ihr Bewußtsein für immer verloren haben und keine Chance auf Heilung mehr besitzen. Doch für sachangemessene Differenzierungen war in diesem Fall kein Platz. "Dann stünde ich ja wohl als Killer da", meinte unlängst ein führender Transplantationschirurg. Das Totschlagargument hat Wirkung gezeigt.

Jetzt haben die Ärzte das Gesetz, das sie wollten; doch die Patienten auf den Wartelisten haben noch lange nicht die Organe, die sie brauchen. Denn mit der erweiterten Zustimmungslösung wurde lediglich ins Gesetz geschrieben, was bislang als rechtens in den Krankenhäusern praktiziert wird: Eine Entnahme vom hirntoten Patienten ist nur dann zulässig, wenn der Betroffene selbst oder stellvertretend ein nächster Angehöriger oder eine vom Betroffenen benannte Vertrauensperson ausdrücklich die Zustimmung erteilt hat. Diese Regelung fand im übrigen auch im Osten der Republik Anwendung, obwohl hier formal die Widerspruchslösung aus DDR-Tagen mit dem Einigungsvertrag in Länderrecht übergegangen war.

"Man kann den Angehörigen so etwas nicht zumuten."

Wie bisher also wird den Angehörigen die schwerste Last aufgetragen. Fast immer sind sie es, die in den Stunden des Schocks und der Trauer zu entscheiden haben. Bundesaußenminister Klaus Kinkel, der vor Jahren am Sterbebett seiner 20jährigen Tochter in genau dieser Situation war, meinte vor der Gesetzesberatung: "Man kann den Angehörigen so etwas nicht zumuten." Daß er der Debatte nur aufmerksam schweigend folgte, um sie nicht mit Emotionen aufzuladen, nötigt allerhöchsten Respekt ab. Kinkel selbst verweigerte die Entnahme, so wie ein Drittel aller Angehörigen.

Um Lebenspartnern, Kindern, Eltern oder Geschwistern zumindest diese Last abzunehmen, wäre es äußerst wünschenswert, die Zahl der höchstpersönlichen Erklärungen zur Organspende, ob pro oder contra, zu erhöhen. Die enge Zustimmungslösung bleibt somit das prinzipiell anzustrebende Ziel. Doch bekanntlich tragen nur etwa sechs Prozent der Bundesbürger einen Organspendeausweis mit sich, und auch das nicht immer. Ein zentrales Organspenderegister könnte hier zumindest Vertrauen schaffen, daß ein hinterlegter Widerspruch ebenso wie eine Zustimmung stets nachprüfbar sind. Nach dem nun verabschiedeten Gesetz "kann" ein solches Register zwar eingerichtet werden, doch man kann darauf wetten, daß es dem Finanzierungsstreit zwischen Bund und Ländern zum Opfer fallen wird.

Wenigstens in punkto Informations- und Aufklärungspflicht macht das Gesetz den Krankenkassen und Behörden Beine. Durch regelmäßige Zusendung von Broschüren soll langfristig die Spendebereitschaft erhöht werden, und mit der Bitte, sich selbst für oder gegen eine Organspende zu erklären, hofft man, die Angehörigen aus der direkten Verantwortung zu entlassen. Wenn dies offen und ehrlich geschieht und nicht ein falscher Zungenschlag aggressiver Werbung hineinkommt, wird solche Aufklärung auch Erfolg haben.

Fragt sich nur, warum sie nicht schon vorher in großem Stil betrieben wurde. Die Versäumnisse auf diesem Gebiet sind auch mit knappen Budgets nicht zu entschuldigen. Jede gespendete Niere entlastet nicht nur den Empfänger von den Einschränkungen der Dialyse sondern zugleich das Gesundheitswesen um schätzungsweise 250.000 DM.

Auch in der Ärzteschaft gibt es Vorbehalte gegenüber der fragilen Option Organspende

Aufklärung muß auch unter den Medizinern selbst geleistet werden. Derzeit werden von jährlich rund 5.000 potentiellen Organspendern in deutschen Krankenhäusern nur etwa 2.000 an die zuständigen Transplantationszentren gemeldet. Bei den übrigen sechzig Prozent verweigern sich bislang die Ärzte einer möglichen Organentnahme, bevor die Angehörigen überhaupt gefragt werden könnten.

Das liegt nicht nur an der ebenso banal wie zynisch klingenden Tatsache, daß ein Hirntoter ziemlich viel Arbeit macht, wenn er nicht einfach sterben gelassen wird, sondern zwecks Organentnahme weiter beatmet und medizinisch versorgt werden muß. Vielmehr gibt es auch in der Ärzteschaft, wie in der gesamten Bevölkerung, Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber der fragilen Option Organspende. Völlig ausräumen lassen werden sie sich nicht, und die Entscheidung, ein Organ zu verweigern, gleich ob als Spender oder Empfänger, sollte stets respektiert werden. Am Besten bleibt es, sich selber zu entscheiden und zu erklären. Nur so wird Organspende ein Geschenk von Mensch zu Mensch, das über die Klüftungen des Todes hinweghelfen kann.

Achim Bahnen


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