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TV-Kritik zu:
"Tatort. Im freien Fall"
ARD, 04.11.2001, 20.15 Uhr

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Der Kommissar und das Mädchen: Udo Wachtveitl und Jeanette Hain (Foto: ARD)
Dieser Münchner Tatort wurde mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Engel sterben nicht

Nur wer sich in Abgründe stürzt, dem liegt die Welt zu Füßen: "Tatort. Im freien Fall" (ARD/BR)

Kommissare dürfen keine Märchenhelden sein. Jeder Kriminalfall huldigt schließlich dem Positivismus. Am Ende erscheint die Wahrheit der ermittelten Sachverhalte als unantastbar und definitiv in den Akten. Um die Idee irdischer Gerechtigkeit zu demonstrieren, muß an der Fiktion festgehalten werden, das Urteil sei eine Wahrheitsfunktion der Beweismittel. Die trägt der Kommissar zusammen. Er hat Wittgenstein gelesen. Seine Welt ist alles, was der Fall ist. Aus dieser auszubrechen ist ihm verwehrt. Er darf keine guten Feen und keine gefallenen Engel kennen. Wohl deshalb sind so viele Fernsehkommissare Meister des traurigen Blicks. Die Grenzen des Strafrechts sind die Grenzen ihrer Welt, wie Satz 5.6 eines Tractatus criminologicus sie belehren würde. Hans Blumenberg aber hat einmal versucht, Wittgensteins Weltformel im Lichte von Newtons Gravitationslehre zu lesen: Die Welt sei alles, was im Fall ist. Erst diese Lesart weist dem Kommissar den Ausweg aus dem Fliegenglas: Nur wenn er sich in Abgründe stürzt, liegt ihm im freien Fall die ganze Welt zu Füßen.

Mit den Gesetzen der Physik ist es zwar kaum vereinbar, wie Hauptkommissar Franz Leitmayr sich am Sonntag abend aus seiner prekären Rückenlage noch retten und Spiderman gleich an eine Fensterscheibe pressen konnte. Doch die rasante Eröffnungssequenz (Kamera: Hanno Lentz) über den Dächern von München setzte den Trägheitssatz vorübergehend außer Kraft. Überhaupt schienen auch die Gesetze des Krimigenres außer Kraft gesetzt, als Leitmayr nach seinem Sturz, der fast sein letzter Fall geworden wäre, erst einmal krank geschrieben wurde. Statt Vorhofflimmerns bekam er nämlich ganz anderes Herzflattern. Schon als der blonde Engel, in seiner Schlaftrunkenheit träge wie Newtons erstes Axiom, ihm das Fenster vom Hof und die Tür zum Leben öffnete, war klar: In München ist Märchenstunde. Sollte der Kollege Batic (Miroslav Nemec) doch im Fall des - ganz und endgültig vom Dach gestürzten - Kunstexperten Schmidt ermitteln, Leitmayr gab sich ganz der Leidenschaft hin. Daß die bezaubernde Künstlerin, die er beim ungewollten Fensterln kennengelernt hatte, ihn kaum erhört hätte, wenn er sie zum Verhör gebeten hätte, dämmerte ihm erst später. Lange schien es, als stünden Kriminal- und Liebesgeschichte auf zwei getrennten Blättern. Wer hätte einem "Tatort" soviel Souveränität zugetraut?

Udo Wachtveitl gab die Unbeholfenheit des Polizeibeamten im Privaten und den Ausbruch spätjugendlichen Überschwangs so locker, daß es eine Lust war, ihm an der Seite der nicht minder erfrischenden Jeanette Hain zuzuschauen und ihrer verspielten Erotik zu folgen (als sie den scheinbar unschuldigen Satz "Hagebuttentee erinnert mich an Hüttenschuhe, Schüttelfrost, erhöhte Temperatur" sprach, hatte er sich schon in aller Vorfreude an dem Schlager "Light my fire" entzündet). Doch zur Mitte des Films mußte Regisseur Jobst Oetzmann, dem Drehbuch von Alexander Adolph folgend, dem freien Fall der Liebe hinauf auf Wolke sieben natürlich ein Ende setzen. Der Engel: ein gefallener, die Künstlerin Anne Mars: eine geniale Fälscherin, die in den Mordfall durchaus verwickelt war, hatte sie doch den expressionistischen Künstler Vladimir Murliak zusammen mit dem Galeristen Dr. Knuth gleichsam aus dem Nichts erschaffen.

Nikolaus Paryla als Knuth durfte dem Spiel in der Kunstszene weitere kräftige Farben hinzufügen. Paryla stand in München mehr als fünfhundertmal im "Kontrabaß" von Patrick Süskind auf der Theaterbühne, so daß man in Knuths Frage "Finden Sie München langweilig?" auch eine Form der Selbstironie erkennen durfte. Im roten Frotteebademantel brachte er den ermittelnden Batic mit aufreizender Gelassenheit immer wieder an den Rand der Verzweiflung. Der Gastauftritt von Andreas Hoppe als Helfer der Kunstfälscherin trat hinter diesem großen Spiel ganz zurück.

Murliak, dessen Namen Knuth mit vollem Joghurtmund so herrlich guttural hervorgurgelte, war eine Goldgrube, und als der Kunstexperte Schmidt das entdeckt hatte, kostete es ihn prompt das Leben. Daß Leitmayrs Liebschaft nicht die Täterin war, stand im Krimihimmel geschrieben, so wie kein Blut floß, als sie am Schluß ebenfalls vom Dach stürzen mußte. Engel sterben nicht, sie schlafen auch im Krimi einfach ein.

Doch nicht nur die Welt der Engel und Feen verschloß sich den Kommissaren wieder, kaum daß sie sich aufgetan hatte. Auch die Kunst steht ihnen ewig feindlich gegenüber mit ihrer Provokation des Positivismus, nicht das Sichtbare wiedergeben zu wollen, sondern sichtbar zu machen. Während die Kunstwelt in Elementarfarben strahlte, die Ausstellungswände im "Haus der Kunst" gelb, rot und grün leuchteten, hockten Batic und Leitmayr mit ihren Mänteln in den Unfarben Weiß und Schwarz nebeneinander und ergaben sich der Farblosigkeit ihrer Welt. "Wie geht's deinem Herz?" - "Ich spür's überhaupt net. Ich spür's nimmer." Da war sie wieder, die Traurigkeit des Ermittlers, der nur die Erfordernisse der binären Logik befriedigen darf. Ist sein Fall abgeschlossen, schließt sich seine Welt.

Achim Bahnen


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