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TV-Kritik zu: "Flucht in den Dschungel" BR, 27.01.2001, 22.15 Uhr Link zur Produktionsfirma KICK FILM: > www.kickfilm.de |
F.A.Z. vom 27.01.2001, Seite 42
Kein EntkommenTäter und Opfer in Utopia: "Flucht in den Dschungel" (BR)Manuskriptfassung!Geschichten von Flucht und Vertreibung kennen ironische, auch zynische Wendungen. Daß Juden und Nazis, Verfolgte und Schergen, mitten im brasilianischen Urwald aufeinander treffen, klingt wie eine filmreife, unglaubwürdige Pointe. In der Kleinstadt Rolandia, rund tausend Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, ist sie in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Wirklichkeit geworden, als hätte eine höhere Geschichtsmacht beweisen wollen: Auch am anderen Ende der Welt gibt es kein Entkommen. Kaphan, Koch-Weser, Nixdorf: Auf dem Friedhof der Capela Sao Rafael liegen sie nebeneinander, Christen und Juden, Deutsche allesamt. Und doch zögert man, diese letzte Ruhe "einträchtig" zu nennen. Die jüdischen Emigranten waren dank einer englischen Siedlergesellschaft in den Urwald gekommen. Sie hatten in Deutschland Anteilsscheine der "Companhia de terras norte do Parana" erworben, die zur Finanzierung einer Eisenbahnlinie entlang der Strecke Parzellen an Siedler verkaufte. Viele kamen als Kinder, die ihre Eltern nie mehr sehen sollten. Vielleicht noch ein paar zensierte Briefe, dann die dürre Mitteilung: "It is to assume that they are dead." Als die ersten Emigranten eintrafen, hatte die deutsche Siedlerbewegung schon Fuß gefaßt. Oswald Nixdorf leitete eine kleine Kolonie, in der neben überzeugten Nazis auch Platz für Siedler war, die sich im Deutschland der dreißiger Jahre nicht mehr heimisch fühlten. Erich Koch-Weser, zuvor Minister der Weimarer Republik, wurde hier zum Farmer. Er und Nixdorf, zwei Bremer in Brasilien, gaben dem rohen Land den Namen Rolandia. Die überaus eindrucksvolle und einfühlsame Dokumentation von Michael Juncker kreist um den Gegensatz der Schicksale, die im Dschungel aufeinander trafen. Aber Juncker verzichtet glücklicherweise darauf, diesen Konflikt dramatisch zuzuspitzen. Nur als das benachbarte "Castello Eldorado" besucht wird und sich bislang verschlossene Prunkräume öffnen, die offenbar von 1942 an als gut bewachter Zufluchtsort für Nazigrößen geplant waren und unter anderem Josef Mengele beherbergten, bekommt der Film einen investigativen Zug. Die eigentliche Entdeckungsleistung besteht aber darin, die Überlebenden (von denen viele in Brasilien geblieben sind) zum Reden gebracht zu haben. Manche äußerten während der Dreharbeiten Zweifel, ob ihre Geschichte in Deutschland überhaupt jemanden interessieren könnte. Doch zweifellos ist Junckers Film - nicht zuletzt dank der ruhigen Kameraführung von Bernd Meiners - ein Beitrag zur Zeitgeschichte, der über die geschilderte Zufallskonstellation am Urwaldfluß hinausweist. Was heißt Heimat für einen Deutschen jüdischen Glaubens? Diese noch heute virulente Frage wird im Film wichtiger als der damalige Konflikt mit den benachbarten Nazis. Es scheint ohnehin eine relativ konfliktfreie Mischung aus Nebeneinander- und Zusammenleben gewesen zu sein. Irgendwann stellte sich eben heraus, daß der Zimmermann "ein bayerischer SA-Mann" war. Die Not der Nachbarschaft drängte manches in den Hintergrund. Vergessen ließ es sich nicht. Auch in Rolandia wählten viele Emigranten, so wie Stefan Zweig 1942 in Petrópolis, den Freitod. In den Gesprächen tritt eine äußerst enge Bindung an die deutsche Kultur, vor allem an die deutsche Sprache, zu Tage. Das mag nach so langer Zeit erstaunen. Aber im Gegensatz zu anderen Fluchtzielen wie in Nordamerika gab es hier, in dieser Art Utopia, fast keinen Anpassungsdruck. Zwanglos hat sich Deutsches mit Brasilianischem vermischt. "Schimidt Tratores" oder "Conservatorio Musica Strauss" liest man auf Schildern. Was an ihr heute brasilianisch sei, wird Inge Rosenthal am Schluß des Films gefragt. "Meine Enkelkinder." Sie selbst ist ganz Deutsche geblieben. Aber zurückzugehen nach dem Krieg? "Nach Deutschland? Ganz abwegiger Gedanke." Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
F.A.Z.
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