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| Italiens Gesundheitsminister Veronesi hofft, durch den Bericht einer eigens einberufenen Kommission die Zustimmung des Vatikans zum "therapeutischen Klonen" zu erhalten. Die anvisierte "via italiana", ein neuer Weg zur Forschung an Stammzellen, liegt vorerst aber noch im Dunkeln. |
F.A.Z. vom 18.01.2001, Seite 50
Genetik des SchummelnsItalien sucht einen "katholischen Weg" zum KlonenVerona, im Januar
Die Quadratur des Kreises schien gelungen: Als Gesundheitsminister Umberto Veronesi am vorletzten Arbeitstag des vergangenen Jahres in Rom vor die Presse trat, hielt er ein Dokument in der Hand, das Italien den Weg ins biomedizinische Zeitalter weisen sollte. Und dies, zur Überraschung vieler, mit dem weitreichenden Segen der katholischen Kirche. Doch quasi über Nacht waren in der "Kommission zum Studium des Gebrauchs von Stammzellen zu therapeutischen Zwecken" die überbrückt geglaubten Gräben wieder aufgerissen, worauf Veronesi sich kurzerhand gezwungen sah, den schon gedruckten, mehr als zwanzigseitigen Abschlußbericht als "vorläufig" herabzustufen. Und was zunächst als letztes Rückzugsgefecht katholischer Moral erschien, stellt sich inzwischen als veritabler Gegenschlag im Namen der Wissenschaft heraus - vorgetragen, wohlgemerkt, vom Vatikan, dem dafür sogar kirchenferne Kommentatoren Beifall zollen.
Dabei hatte der Minister, ein renommierter Onkologe, die Kommission hochkarätig besetzt. Nicht fehlen durften selbstverständlich die hochbetagten Medizinnobelpreisträger Rita Levi Montalcini (91) und Renato Dulbecco (86), der gleich den Vorsitz übernahm. Angesichts solch geballter Kompetenz, namhafte Juristen, Philosophen und Theologen eingeschlossen, hielt auch das nationale Bioethik-Komitee die Kritik in Grenzen, obwohl man sich durch die Ad-hoc-Berufung der Konkurrenzkommission schnöde übergangen fühlte. Noch im Herbst legte das fast paritätisch mit Katholiken und (in bioethischen Fragen) liberalen "Laizisten" besetzte ständige Gremium eine Stellungnahme vor, in der man sich über zentrale Punkte nicht einigen konnte. Für die Dulbecco-Kommission dagegen begrenzte der Minister die Zahl der katholisch verpflichteten Mitglieder, darunter Kardinal Ersilio Tonini, auf eine Minderheit von sieben gegen achtzehn; ein Punktsieg der liberalen Seite in den strittigen Fragen war somit vorgezeichnet. Der Dulbecco-Bericht befürwortet generell die Forschung an menschlichen Stammzellen, aus denen man Gewebeersatz für therapeutische Zwecke züchten will. Für die Gewinnung dieser pluripotenten Stammzellen, die sich in die verschiedenen Zelltypen des Körpers ausdifferenzieren lassen, zieht die Kommission fünf Wege in Betracht. Als ethisch unproblematisch werden einhellig die Reprogrammierung adulter Stammzellen aus erwachsenem Gewebe, die Verwendung von Zellen der Nabelschnur sowie - für die katholische Seite nicht selbstverständlich - von Zellen aus "abortivem Material", also von abgetriebenen Feten, eingestuft. Für die Forschung an embryonalen Stammzellen sprach sich - wie wegen der damit verbundenen Vernichtung der Embryonen zu erwarten -, lediglich die liberale Mehrheit mit achtzehn gegen sieben Stimmen aus. Dolly im SchlupflochEiner Sensation kam es jedoch gleich, daß die katholische Minderheit zunächst jenem Verfahren ihr Plazet gab, welches auf das allgemein als "therapeutisches Klonen" bekannte hinausläuft: die Erzeugung von Stammzellen nach Transfer des Zellkerns einer Körperzelle des zu behandelnden Patienten in eine entkernte Eizelle. Dieser Ansatz ist beim therapeutischen Klonen zum Zweck der Gewebezüchtung der gleiche wie beim reproduktiven Klonen; berühmt geworden ist er durch das Klonschaf Dolly. Um die Vereinbarkeit mit der traditionellen katholischen Position zu sichern, die die Vernichtung eines Embryos selbst zu therapeutischen Zwecken stets untersagt, behauptet der Dulbecco-Bericht nun, durch Kerntransfer in entkernte Eizellen ließen sich Stammzellen gewinnen, ohne daß bei diesem Prozeß ein Embryo entstünde. Die vage Begründung läßt zwei Lesarten zu. Mit der Bemerkung, es könne nach dem Kerntransfer gar keine Zygote (befruchtete Eizelle) beziehungsweise kein Embryo im "klassischen Sinne" vorliegen, weil gar keine Verschmelzung von Keimzellen stattfinde, wird suggeriert, die moralische Bewertung lasse sich durch eine semantische Differenzierung umgehen. Die Verfasser haben aber noch ein zweites Schlupfloch eingebaut: Sollte man nämlich über die Totipotenz der ersten Embryozellen stolpern, die letztlich nichts anderes bedeutet, als daß diese Zellen das Entwicklungspotential zu einem vollständigen Individuum besitzen, so könnte man dieses Dilemma durch einen methodischen Kniff beseitigen: Es gebe nämlich ein Verfahren, so heißt es in dem Bericht, durch Zellkerntransfer in Eizellen Stammzellen zu erhalten, ohne dabei das - bei Strafe des kirchlichen Bannfluchs zu vermeidende - totipotente Stadium zu durchlaufen. Die wissenschaftliche Literatur bietet dafür jedoch bislang keinen Anhaltspunkt, und der entsprechende Passus des Dulbecco-Berichts ist - in auffallendem Gegensatz zu den anderen Abschnitten - frei von jeder Belegstelle. Dennoch verkündete der Minister den "italienischen Weg"; die via italiana überwinde "brillant" die ethischen Probleme, die bei den Briten thematisiert wurden. Aber während die wissenschaftliche Dokumentation noch auf sich warten läßt und Veronesi mittlerweile einräumt, die Technik müsse experimentell erst noch bestätigt werden, hat der Vatikan eine Art biologisches Gegengutachten vorgelegt, dessen Überschrift polemisch hätte lauten können: "hypotheses non fingo". In einem großen Artikel erläuterten Präsident und Vizepräsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Juan De Dios Vial Correa und Elio Sgreccia, im "Osservatore Romano" ausführlich die wissenschaftliche Sachlage und kamen zu dem Schluß, die Quadratur sei nicht geglückt. Prinzipiell dürfe man die Hypothese zwar nicht ausschließen, doch bis zum gegenteiligen Nachweis müsse vom Vorliegen eines Embryos ausgegangen werden. Veronesis Behauptung, die besagte "TNSA" genannte Technik sei etwas anderes als das in Großbritannien beschlossene "therapeutische Klonen", sei unplausibel, die Unterscheidung zwischen Embryonen und "embryonenartigen Zellen" fadenscheinig. Der Kreis ist rund. Lob für soviel wissenschaftliche Strenge erhielt die vatikanische Position sogar vom liberalen Wirtschaftsblatt "Il Sole 24 Ore", das forderte, die Lösung moralischer Probleme auf der Grundlage aktueller Forschungsresultate und nicht in einem selbstgeschriebenen "Buch der Träume" zu suchen. Dagegen hat der Embryologe Edoardo Boncinelli die von ihm in der Kommission favorisierte via italiana noch einmal verteidigt. Im "Corriere della sera" wies er darauf hin, daß nach dem Kerntransfer eine gezielte Aktivierung (durch Kalzium-Ionen) erforderlich sei, um - wie etwa im Fall Dolly - die normale embryonale Entwicklung in Gang zu setzen. Erst durch den Eingriff des Forschers werde also die Zellteilung eingeleitet, was dafür spreche, daß man es bei der Klonierung nicht mit einem "klassischen", von vornherein mit dem natürlichen Entwicklungspotential ausgestatteten Embryo zu tun habe. Staatspräsident Ciampi jedenfalls hat dem Gesundheitsminister bereits lebhaft zu dem Kommissionsvorschlag gratuliert, auch wenn die gelobte "Frucht der italienischen Forschung" bislang erst ein Forschungsprogramm ist. Vatikanischer ClouBestehen bleibt das aktuelle Kernproblem der Verwendung embryonaler Stammzellen. Die Mehrheit der Dulbecco-Kommission argumentiert dafür, will aber ausschließlich sogenannte "überzählige" Embryonen verwendet sehen, wie sie in italienischen Fortpflanzungskliniken auf Vorrat liegen. Bisher weiß jedoch niemand, wie viele solcher Embryonen es gibt und in welchem Zustand sie sich befinden. Die Schätzungen reichen von zehn- bis zweihunderttausend. Es rächt sich nun, daß alle Versuche, ein Gesetz zur Regelung der künstlichen Befruchtung zu verabschieden, seit Jahren am Grundsatzstreit zwischen katholischen und liberalen Positionen gescheitert sind. Es gibt auch kein Embryonenschutzgesetz, das in Deutschland unter anderem die Erzeugung "überzähliger" Embryonen unter Strafe stellt. Die europäische Bioethikkonvention, die wenigstens einige Mindeststandards festschreiben würde, ist - wie in Deutschland - noch nicht ratifiziert. Als erste praktische Folge des Dulbecco-Berichts will die Regierung daher zunächst die "überzähligen" Embryonen registrieren lassen. Zugleich sollen in Zukunft keine Embryonen, sondern nur noch unbefruchtete Eizellen tiefgekühlt gelagert werden dürfen (obwohl die Erfolgsrate einer Schwangerschaft unter Verwendung konservierter Keimzellen erheblich niedriger als bei vorheriger Befruchtung ist, weshalb der Frau mehr Eizellen auf Vorrat entnommen werden müßten). Zur Gewinnung embryonaler Stammzellen stünden also maximal die bereits vorhandenen Embryonen zur Verfügung. Ob an diesen in absehbarer Zeit auch geforscht wird, ist allerdings fraglich. Zwar scheint die Mitte-links-Regierung dem Mehrheitsvotum der Kommission geneigt zu sein; Ministerpräsident Amato, zuweilen als "katholischster Laizist" Italiens bezeichnet, hat erst vor Tagen die Einführung der Verhütungspille Mifygene mit der Behauptung verteidigt, nach wissenschaftlichem Ermessen beginne das Leben mit der Einnistung in der Gebärmutter. Wenn das richtig wäre, spräche auch nichts gegen embryonale Stammzellen und therapeutisches Klonen. Doch ein Gesetz zu diesem brisanten Thema wird wenige Monate vor dem Ende der Legislaturperiode niemand mehr auf den Weg bringen wollen. Während Gesetze und Forschungsergebnisse noch auf sich warten lassen, plant die katholische Universitätsklinik "Gemelli" in Rom ein zukunftsträchtiges Projekt. Allen Neugeborenen soll, sofern die Eltern darum bitten, Blut aus der Nabelschnur entnommen werden, um daraus isolierte Stammzellen der Plazenta einzufrieren. Obwohl das Differenzierungsvermögen dieser Zellen noch nicht völlig geklärt ist, könnte eine persönliche Plazenta-Zellbank für die heute Geborenen schon morgen eine wertvolle Quelle für körpereigenes Gewebe sein. Die Nachfrage von Eltern, ihren Neugeborenen diese Form von "Lebensversicherung" zu geben, ist bereits so groß, daß vom Frühjahr an zunächst nur Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern in den Genuß der Zellvorsorge kommen. Im Vatikan schaut man offensichtlich nicht nur auf Fakten, man schafft sie auch. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
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