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TV-Kritik zu:
"Die Verwegene - Kämpfe für deinen Traum"
RTL, 27.12.2000, 20.15 Uhr

Soul ohne Seele

Man hat ihn, oder man hat ihn nicht: "Die Verwegene" (RTL)

Manuskriptfassung!

Den Soul hat man. Oder man hat ihn nicht. Er kommt aus der Seele. "Und die Seele wächst durch Entbehrung und Abenteuer." Solch weise Sprüche waren bei RTL zum Weihnachtsausklang zu vernehmen, und der gestern abend ausgestrahlte Film "Die Verwegene - Kämpfe für deinen Traum" hätte ein Märchen sein können über die Macht der Träume und die Kraft der Musik. Doch ihm fehlte die Seele, und ihm fehlte der Soul.

Die Musik des neuen Deutschland spielt in Berlin. Wen zöge es nicht aus der Provinz in die Welt der aufstrebenden Neubauten? Ob die junge Raststättenkellnerin Sophie zum Singen in die Hauptstadt kommt oder um sich vom Hochhaus zu stürzen, ist anfangs zwar nicht ausgemacht. Doch der leichtfertig diagnostizierte Hirntumor stellt sich schon bald als Irrtum heraus. Sophie bleibt trotzdem auf ihrem Weg, der sie quer durch die Berliner Musikszene mitten in einen Travestieclub führt, wo sie sich immerhin als Kellnerin verdingen darf. Das war nicht der Schluß des Films, aber die Geschichte hätte so enden können, denn Sophie bleibt auch in der großen Stadt nichts weiter als ein verträumtes, sternengläubiges Mädchen. Und Alexandra Kalweit, die für das Fernsehen bisher nur in Werbespots die Hauptrolle gab, ließ nicht erkennen, daß sie etwas anderes denn spielen könnte. Ihrer Sophie jedenfalls waren weder unbändiger Lebensmut noch traumgeleiteter Kampfeswille anzumerken.

Die Verwegene! Bei diesem Titel muß man schon das große Wörterbuch der Brüder Grimm bemühen, um eine auf die zahme Hauptfigur des Films halbwegs passende Bedeutung aufzuspüren. Sich "sterbens verwegen", heißt es bei Luther, der damit meint, sich mit dem Schicksal abzufinden. Genauso hat Sophie sich des Lebens verwegen und fügt sich in ihr Kellnerdasein, als das Drehbuch seinen - nach der plumpen Fehldiagnose - zweiten schrägen Einfall hat: Der schwule Clubbesitzer (Jochen Nickel) braucht eine kirchlich angetraute Frau, um sein Erbteil zu erhalten, und macht dem einzigen wirklich weiblichen Wesen in seinem Laden ein Angebot, das dieses nicht ablehnen kann. Sophie akzeptiert - nicht für die gebotene halbe Erbschaft, sondern um in dem mit diesem Geld sanierten Club eine eigene Soul-Show zu bekommen. Bis sie schließlich auf die Bühne und über sich hinausgeht, müssen Freunde, Gönner und das alberne Traumbild einer altehrwürdigen soul sister sie mächtig in den "weißen Hintern" treten. Am Ende kommt Sophie, nach einigen minder schweren Verwicklungen, tatsächlich zu ihrem großen Auftritt, doch wer hätte daran ernsthaft gezweifelt?

Auch in der Musik ist das Ende meist ebenso absehbar wie unbedeutend; entscheidend sind auch nicht die Noten, sondern Stimmung und Gefühl. Darauf vertraute der Film zu wenig. Als Sophie in der Bahnhofshalle gegen ihre Publikumsangst ansingen soll und erst das Licht der Mittagssonne ihre Stimme befreit, möchte man sie in dieser Stimmung abheben sehen, hinaus weit über die Dächer Berlins. Doch sofort kommt der Schnitt, und Sophies Agent (Hilmi Sözer) versucht den Blendungseffekt technisch zu reproduzieren.

In der Szene mit dem meisten Blues erzählt Sophies ehemaliger Kellnerkollege Carlo (ansonsten schwach: Antonio Wannek) der versammelten Belegschaft unter hemmungslosem Schluchzen, wie die vermeintlich Sterbenskranke sich angeblich von einem Hochhaus in den Tod gestürzt habe: Da stimmen alle in ein lautes Heulen ein, und die Trauer ist groß wie einst auf den Baumwollplantagen der Neuen Welt. So ins Groteske gezogen hätte "Die Verwegene" eine hübsche Musikkomödie werden können, auf die der Anfang durchaus hoffen ließ. Mit der verzagten Mischung aus schlichter Romanze und schriller Klamotte aber hat Regisseur Martin Walz alle wahren Höhen und Tiefen vermieden. Und dabei den Soul verloren.

Achim Bahnen


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