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Buchkritik zu:
Ulrich Wickert,
Ihr seid die Macht. Politik für die nächste Generation.
Rowohlt: Berlin 2000.

Cover


Politik am Küchentisch

Vorsitz im Schwimmverein: Ulrich Wickert und die Jugend-Tugend

Manuskriptfassung!

Kinder sind die Macht von morgen. Unverbraucht und unverbogen hätten wir die Jugend gern, als Hoffnungsträger und Moralressource für bessere Zeiten nach der jeweils herrschenden Enkelgeneration. Mitte der Achtziger Jahre, als die Flickaffäre der geistig-moralischen Wende schnelles Ende offenbarte, wollte Herbert Grönemeyer gleich die Kinder an die Macht singen, denn "sie berechnen nicht, was sie tun". Ein schöner Glaube und ein naiver Irrtum, ist jedem Kind doch das Kalkül in Form der Schreien-Stillen-Logik buchstäblich in die Wiege gelegt.

Der zwölfjährige Felix weiß seine Ziele raffinierter zu erreichen. Am Abend bittet er seine große Schwester, ihn darüber aufzuklären, was es bedeutet, frei zu sein - während er "in Wirklichkeit aber dachte, jeder Moment, der mit der Suche nach der Freiheit verginge, würde das Zubettgehen hinausschieben". Die Rechnung geht auf, denn Vater Friedrich verzichtet auf die "Tagesthemen" und nutzt die Gunst der späten Stunde, dem Filius elementare Begriffe aus Moral und Politik zu erläutern. Als Catharina, seine für den Stadtrat kandidierende Frau, nach Hause kommt, ist die Familie komplett. Lebhaft nimmt die erste Lektion in Staatsbürgerkunde am Küchentisch ihren Fortgang, bis der kategorische Imperativ um halb zwölf nur noch lauten kann: "Ab ins Bett und sofort Licht aus!"

Ulrich Wickert, gleich nach dem Bundespräsidenten der zweite Tugendwart im Land, hat sich für einen lockeren Erzählrahmen entschieden, um bei der nächsten Generation für Politik und Engagement zu werben. Anhand lebensnaher Situationen und in dezent zeitgemäßer Sprache vermittelt Wickert ebenso demokratisches Grundwissen wie Lust am Engagement, ohne sich dabei anzubiedern. In acht Kapiteln werden Tugenden wie Gerechtigkeit, Toleranz und Zivilcourage - als bürgerliche Form der Tapferkeit - mit anschaulichen Beispielen erläutert, wenn Felix mit seiner Klasse eine Gerichtsverhandlung besucht oder seine Schwester Alix für die Aktion "Kids helfen Kids im Kosovo" gebrauchtes Spielzeug sammelt. Vielleicht ist Wickert der kurzzeitige Wechsel vom Fach des staatstragenden Nachrichtenonkels zum politisch bildenden Geschichtenerzähler deshalb so vorzüglich geglückt, weil zwischen beiden Rollen gar kein Unterschied besteht. Wenn er sein kaum verhülltes Alter ego reichlich Schulwissen über Kant und Aristoteles verbreiten lässt, dann ist der Tonfall so gemütlich, dass ihm der Leser, in Gedanken vor dem Kamin zu Füßen des Lehnstuhls sitzend, genau wie Felix gerne lauschen mag.

Der ehemalige Spitzenschwimmer Friedrich, Besitzer eines Sportgeschäfts, kommt so klug daher, als habe er früher einmal Politikwissenschaft studiert oder erst kürzlich einen Volkshochschulkurs in Philosophie belegt. Seine Frau dagegen, deren Wahlergebnis am abrupten Ende so knapp und offen bleibt, als habe der Autor die Imponderabilien der amerikanischen Präsidentenwahl vorausgeahnt, ist weniger verfassungsfest. Sie lässt den Bundeskanzler vom Parlament aus dessen eigenen Reihen wählen, obwohl er gemäß Grundgesetz weder Abgeordneter sein muss noch durch die Kanzlerwahl zu einem solchen wird. Davon abgesehen ist in diesem Buch politisch alles korrekt, und den Kanzler wird es freuen, dass "der junge Gerhard" mit seinem Aufstieg vom armen Halbwaisen zum Regierungschef unter dem Stichwort "soziale Gerechtigkeit" Erwähnung findet.

Wickert präsentiert dem Leser eine heile Welt, in der die Jugendlichen von Hause aus gute Menschen sind oder sich zumindest guten Argumenten gegenüber aufgeschlossen zeigen. Die Erwachsenen nehmen ihre Kinder ernst und frönen dem Gemeinsinn. Selbst Friedrich überwindet nach langem Zögern seine Faulheit und lässt sich pflichtbewusst für den Vorsitz im Schwimmverein gewinnen. Damit weist die Erzählung schließlich über sich hinaus, denn es sind nicht allein die guten Bücher, zu denen das von Wickert zweifellos gehört, die aus der nächsten Generation die besseren Bürger machen; es sind zuallererst die Vorbilder von heute.

Achim Bahnen


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