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Zur ungewissen Zukunft der italienischen Tageszeitung "L'Unità"

Der italienische Patient

Gesundschrumpfen: Verlagsoffensive zur Rettung der "Unità"

Manuskriptfassung!
Verona, 21. November

Mediziner sprechen vom Locked-in-Syndrom: Der Patient ist völlig paralysiert, muß künstlich ernährt und beatmet werden; trotz klarem Bewußtsein kann er mit der Umwelt nicht kommunizieren. So geht es seit Wochen der italienischen Tageszeitung "L'Unità", die Ende Juli zum vorerst letzten Mal erschien (F.A.Z. vom 29.07.2000). Knapp zwei Monate lang gab die Redaktion im Internet noch Lebenszeichen von sich, bis die mit dem Verkauf der Zeitung beauftragten "liquidatori" auch diesen letzten Draht zur Welt einschließlich der ausgehenden Telefonleitungen kappen ließen.

Noch immer liegt der 76jährige Patient auf der Intensivstation - oder ist es doch ein Sterbezimmer? Die 1924 von Antonio Gramsci gegründete Zeitung, Parteiorgan der Kommunisten, zuletzt der Linksdemokraten (DS), sei ein Leichnam, den es wiederzubeleben gelte, hatte Victor Uckmar als Chef des Liquidatorentrios im Juli diagnostiziert. Mehrmals wurde die Auferstehung verkündet, erst für September, dann für den 7. November, den Jahrestag der Oktoberrevolution. Doch der Verkauf an eine Unternehmergruppe um den Verleger Alessandro Dalai ist immer noch nicht unter Dach und Fach, obwohl Arbeitsminister Cesare Salvi (DS) sich als Garant der Sache höchstpersönlich angenommen hat.

Um des Überlebens willen hat der Patient bereits seiner Amputation zugestimmt. Rund 120 Beschäftigte, so der schmerzhafte, aber mit großer Mehrheit gefaßte Beschluß der Belegschaft, werden die Zeitung verlassen müssen. Gesundschrumpfen heißt das von Dalai vorgelegte Konzept, um eine Mindestauflage von knapp 50000 Exemplaren rentabel zu produzieren und binnen ein bis zwei Jahren die Gewinnzone zu erreichen. Nur noch 79 festangestellte Mitarbeiter, darunter 44 Journalisten, sollen täglich ein 28 Seiten starkes Blatt erstellen und durch Beilagen sowie zusätzliche Internetseiten ergänzen.

Die Leitung werden mit Furio Colombo und Antonio Padellaro zwei journalistisch erfahrene Neuzugänge übernehmen. Vorausgesetzt natürlich, daß die alte "Unità" nicht doch Konkurs anmelden muß, denn der Übernahme durch Dalai steht weiterhin ein hoher Schuldenberg im Weg. Umgerechnet einhundertfünfzig Millionen Mark Schulden sind zu begleichen, das Doppelte der noch im Juli genannten Summe. Einen kleinen Teil wird der Verkauf des Filmgeschäfts der alten Gesellschaft "Unità Editrice Multimediale", an der die DS zuletzt nur noch zu einem Viertel beteiligt waren, einbringen. Der Großteil der Schulden soll - zum Beispiel von den Papierlieferanten - im Gegenzug für künftige Aufträge erlassen werden. Rund fünfzig Millionen Mark jedoch, darunter ausstehende Gehälter und Abfindungen, sind bei der Übernahme auszuzahlen.

Die neue Verlagsinitiative ("Nuova Iniziativa Editoriale") um Dalai will dagegen nur dreißig Millionen Mark für den Kauf der Zeitung auf den Tisch legen. Weitere Millionen müssen zudem in die Finanzierung des Neuanfangs und die Umstellung auf ein modernes Redaktionssystem gesteckt werden. Obwohl zwischenzeitlich auch andere Investoren, darunter das Modehaus Prada, im Gespräch waren, hat Dalai offenbar keine neuen Mitstreiter gewinnen können. Er selbst hatte noch im Sommer 49 Prozent der Anteile an seinem Verlag Baldini&Castoldi von Silvio Berlusconis Verlagsgruppe Mondadori zurückgekauft, was als symbolischer Schritt zu einem Auftritt als Neu-Verleger der "Unità" gewertet wurde. Doch schon vor Jahren ist Dalai mit dem Projekt gescheitert, unter dem Titel "Innovazione" ein Monatsblatt für eine moderne Linke herauszubringen.

Für den moribunden Patienten "L'Unità", der allzu lange am Tropf der DS hing und von der Partei trotz Immobilienverkäufen nicht mehr gerettet werden konnte oder wollte, läuft nun die Zeit davon. Die Leser, überwiegend alt und männlich, werden langsam ebenso bei anderen Zeitungen heimisch wie manche langjährigen Mitarbeiter. Und in Bologna, wo die Redaktion wie in Florenz bereits vor einem Jahr geschlossen wurde, obwohl die Zeitung hier nach Rom - und noch vor Mailand - stets die meisten Leser fand, plant ein Verleger aus Kalabrien schon eine neue linke Tageszeitung. Alle Hoffnung richtet sich jetzt auf die Banca di Roma, von der eine Bürgschaft über rund fünfzig Millionen Mark erhofft wird. Zudem muß ein Teil der Gläubiger überredet werden, sich mit vierzig Prozent des Schuldbetrages abzufinden, bevor in der kommenden Woche bei Minister Salvi der Kaufvertrag mit Dalai endlich unterzeichnet werden kann. Dann läge die "Unità" voraussichtlich im Januar wieder am Kiosk und nicht mehr stumm im Krankenbett. Andernfalls wird sie wohl endgültig ein Fall für den Pathologen.

Achim Bahnen


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