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Bericht über die erste Verleihung des Premio Slow Food in Bologna am 24.10.2000 Links: > slowfood.com > slowfood.it > slowfood.de |
F.A.Z. vom 01.11.2000, Seite 73 ("Stil")
Nur der Erfinder des Vitamins M gegen die Magerkeit fehlteFünfhundert Juroren beim Festbankett von "Slow Food" in BolognaManuskriptfassung!Die wichtigste Zutat guten Essens und Trinkens ist die Zeit. Für sie gibt es keine Geschmacksnerven, und doch schmeckt man sogleich ein Zuviel oder Zuwenig von ihr. Die Dosierung der Zeit entscheidet über unreif oder vollreif, roh und gar, saftig oder trocken, zart und zäh. Bauer und Koch, Landwirt und Küchenchef sind die Meister des rechten Augenblicks, in dem die schnelle Entscheidung geduldiges Warten beendet. Auf dem Teller und im Glas vereinen sich das Gespür für die saisonalen Rhythmen der Natur mit der Kunst sekundengenauer Zubereitung. In Italien, so glaubt der Genießer nördlich der Alpen aufgrund mediterraner Urlaubsimpressionen gerne, findet man auch zum Essen noch die rechte Zeit. "Roberto, noch eine Flasche von diesem wunderbaren Montepulciano, per favore!" Tatsächlich geht der Durchschnittsitaliener Umfragen zufolge rund hundertmal im Jahr, geschäftlich oder mit Familie und Freunden, auswärts essen. Statt üppiger Gelage aber ist auch hier das fast food auf dem Vormarsch, womit natürlich nicht die Pizza gemeint ist, sondern die Hackkultur amerikanischer Provenienz. Hatte McDonald's 1995 erst 33 italienische Läden eröffnet, so soll die aktuelle Zahl von rund 250 in den kommenden zwei Jahren noch verdoppelt werden. Wird auch Italiens Eßkultur ein Globalisierungsopfer der Beschleunigung? Die Handbremse ist längst gezogen. 1986 wurde in dem kleinen Städtchen Bra südlich von Turin eine Organisation ins Leben gerufen, die unter dem Namen "Slow Food" mittlerweile in weltweit 35 Ländern über sechzigtausend Mitglieder vereint, die sich dem Schutz kulinarischer Traditionen und dem internationalen Austausch der Eßkulturen verschrieben haben. Unter dem Symbol der Schnecke will man die Wiederentdeckung der Langsamkeit, das slow life im Zeichen des Genusses fördern, auf daß eine Kultur der Entschleunigung von Essen und Trinken ihren Ausgang nehme. Der charismatische Gründer und Präsident Carlo Petrini hat es dabei geschafft, die Bewegung zumindest in Italien vom Verdacht des elitären Dünkels zu befreien. Auf dem "Salone del gusto" wurden in diesem Jahr 130000 Besucher gezählt, obwohl die Turiner Messe des guten Geschmacks erst zum dritten Mal ausgerichtet wurde. Linke Intellektuelle und Globalisierungskritiker engagieren sich für die Bewegung, der inzwischen auch die Regierung Ehre und Gehör schenkt. So saß auch ein römischer Minister auf dem Podium, als in der vergangenen Woche zum ersten Mal der "Premio Slow Food" verliehen wurde. Wo sonst als in Bologna, der wohlgenährten Stadt, wie man den Beinamen "la grassa" schmeichelnd übersetzen kann, Hauptstadt der Emilia-Romagna und europäische Kulturstadt 2000. Eine mit Feinschmeckern, Wissenschaftlern und Journalisten aus mehr als achtzig Ländern besetzte Jury war angereist, um dreizehn Menschen und Projekte auszuzeichnen, die sich um die Bewahrung lokaler Produkte und Herstellungsweisen, vor allem unter dem Aspekt der Biodiversität, verdient gemacht haben. Rund fünfhundert Mitglieder (die offiziellen Zahlen schwankten) umfaßte die Jury, man griff nach den Sternen: Präsident Petrini sprach vom "Nobelpreis für Landwirtschaft und Ernährung" und sah bereits die Vereinten Nationen des guten Geschmacks entstehen. Bei soviel überschäumender Rhetorik war es wohl ein Segen, daß das Ehrenkomitee nicht vollzählig versammelt war, sonst hätte man vor Ehrfurcht nachher gar nichts mehr essen können. Der Biologe Edward O. Wilson, bekannter Kämpfer für den Schutz der Biodiversität, war ebenso verhindert wie Dario Fo, Träger eines echten Nobelpreises, der sich vor Jahren schon mit Schweinspfoten gegen genetisch manipulierte Lebensmittel hatte ablichten lassen. "Die Einen schaffen neue Arten, wir wollen die alten verteidigen", war in Bologna ein gern gehörter Slogan. Nicht nur die Genindustrie bekam ihr Fett weg, als selbstbewußter David schleuderte man auch Spitzen gegen die EU-Kommission, die mit europaweiten Vorschriften und einheitlichen Hygienevorschriften lokale Produktionsverfahren bedroht und vor allem den Italienern seit langem als unverständiger Goliath der Geschmackshomogenisierung erscheint. Scherzhaft wurde in Bologna gar die Gründung der "Brigate grasse" und einer Untergrundbewegung aus Partisanen des guten Geschmacks angedacht. Mit den dreizehn Preisträgern hat die Bewegung nun ihre ersten Helden gefunden, und es sind unprätentiöse Helden der sympathischen Art. Der Türke Veli Gülas, der wie vier andere sogar den mit jeweils zehntausend Euro dotierten Spezialpreis der Jury erhielt, wollte gar nicht glauben, daß sich eine internationale Öffentlichkeit für seine Arbeit interessieren könne. In seinem Dorf in Anatolien befürchte man sogar, daß nun die Fremden aus aller Herren Länder kämen, um ihren Honig aufzuessen, den Gülas in aufwendiger Zucht aus den heimischen Hemsin-Bienen produziert. Seht mich an, sagte der jugendliche Sechzigjährige nach der Preisverleihung zu den Jurymitgliedern, ich selbst bin der beste Beweis für die Qualität dieses Honigs. Aus Mauretanien wurde die gebürtige Britin Nancy Jones prämiert, deren bewegtes Leben sie offenbar auf die Arbeit mit Nomaden vorbereitet hat: Ihr Betrieb verwertet und vermarktet die Milch von Dromedaren, an die so leicht nicht heranzukommen ist. Die rund achthundert betreuten Nomadenhirten folgen immer noch den Wolken und müssen von den Milchzisternenwagen jeden Tag neu aufgespürt werden. Der Anteil der Nomaden an der Bevölkerung Mauretaniens hat stark abgenommen und liegt heute unter einem Drittel. Es handelt sich also auch um ein gesellschaftliches Entschleunigungsprojekt, das den Prozeß der Seßhaftwerdung, der von Nomaden in der Regel als Verzicht erlebt wird, ein wenig bremsen kann, indem es dieser Gruppe von Dromedarhirten eine wirtschaftliche Perspektive eröffnet. Daß bei der Preisverleihung im Zeichen der Biodiversität konsequent von Kamelen statt von Dromedaren die Rede war, wollte ein Mailänder Zoologe nur in kleiner Runde anmerken, als zum Abschluß des für neunhundert Gäste unter Fanfarenklängen aufgetischten Galadiners im barocken Palazzo Albergati vor den Toren Bolognas ein kleines Gläschen essigsauren Balsamicos die Kehlen der selbsternannten UN-Botschafter des guten Geschmacks enervierte und die Zungen, vom unvermeidlichen Lambrusco gelöst, in babylonischer Fülle parlierten. Genüßlich übersetzte Raphael Mweninguwe, Journalist aus Malawi, in seine Landessprache Chichewa jene Botschaft, die Carlo Petrini der Stadt und dem Erdkreis verkündet hatte: Ein Feinschmecker, der kein Umweltschützer ist, ist dumm; ein Umweltschützer, der kein Feinschmecker ist, ist trostlos. Bis sich diese snobistisch klingende Maxime qualitätsorientierter Haushaltung, einer Nahrungsökonomie im besten Sinne, durchsetzt, wird es auch in Deutschland, wo Slow Food etwa 3500 Mitglieder zählt, noch dauern. Aber Zeit ist paradox, nicht nur bei Augustinus und Einstein. In Bologna entstand der Eindruck, als könne sich der Prozeß der Verlangsamung beschleunigen. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
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