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TV-Vorschau zu:
"Liebe und andere Lügen"
Arte, 25.08.2000, 20.45 Uhr

Was sich bückt, das neckt sich

Viereinhalb-Minuten-Ei: "Liebe und andere Lügen" (Arte/SWR)

Manuskriptfassung!

Einmal ein anderer sein - die Welt des Chat macht's möglich. Weder Hirntransplantationen noch genetisch aufgepeppte Wunschklone sind vonnöten, auch kein Geheimgang auf der Halbetage, der einen in John Malkovich versetzt: Wer sich im Internet zum Schwätzen (neudeutsch: chatten) trifft, kann sich die eigene Identität ganz nach Belieben zusammensetzen. Name, Ort und Alter, Beruf und sogar das Geschlecht - der Mensch im Netz ist, was er schreibt, und seine Wunschwelt findet ihre Grenzen bloß in den Grenzen seiner Sprache.

Paul ist in Freiburg vergeblich auf der Suche nach einem Theaterengagement und mimt derweil im Internet den Russen Michail, der als Soldat in Deutschland stationiert gewesen sei und einen deutschen Urgroßvater habe. So kann er in fast fehlerfreiem Deutsch mit der Geschichte einer beim Truppenabzug aus den Augen verlorenen Liebe die Herzen seiner Chat-Genossinnen erwärmen. Dass er bei minus 25 Grad unweit vom Kreml die Eisblumen vom Fenster "bückt" statt "pflückt", entzückt die junge Journalistin Claire, die - quelle coincidence! - ebenfalls in Freiburg wohnt. Da sage noch einer, das Internet lasse die Welt zusammenrücken, wenn man den Nachbarn in der Phantasie ganz einfach auf den Roten Platz versetzen kann. Denn letztlich sind es Claires Wunschvorstellungen, die dem von Paul nur klischeehaft und mit dürftigen Attributen ausstaffierten Alter ego befristet Realität verschaffen. "Träume mich!", lautet der Imperativ der Chat-Welt, oder wie Michail voller Inbrunst singt: Dream a little dream of me.

Auch im Breisgau ist es frostig, denn Weihnachten steht vor der Tür. Statt Schneeflocken rieseln Arpeggien aus dem Mittelsatz von Beethovens fünftem Klavierkonzert herab, und langsam schwenkt die Kamera vom Turm des Münsters hinunter über den weihnachtlich geschmückten Münsterplatz bis an die Fenster von Claires Wohnung. Regisseur Konrad Sabrautzky hält die mit einfachsten Mitteln kreierte heimelige, märchengleiche Atmosphäre bis zum Ende aufrecht, und nur die komödiantische Weltfremdheit erlaubt es dem Drehbuch, dass beispielsweise die Journalistenkollegen auf Claires Geburtstagsparty den Pseudorussen aus der Nachbarschaft weder zufällig erkennen noch gezielt entlarven.

Denn natürlich kommt es, wie es kommen muss. Der mit Pelzmütze und einer deutschen Ausgabe von Tolstojs "Krieg und Frieden" zu einem Treffen "angereiste" Paul alias Michail bringt Claires Privat- und Berufsleben völlig durcheinander. Claire, gespielt von einer zauberhaften Caroline Scholze, war naiv genug, Michails Geschichte wider jede journalistische Rechercheregel auf Treu und Glauben für eine Story auszuschlachten. Als sie Paul (Thorsten Grasshoff) schließlich auf die Schliche kommt, muss sie sich zur Komplizin für einen Fernsehauftritt des armen Russen in der Sendung "Verlorene Herzen" machen, um ihren Job nicht zu verlieren. Das ganze Leben, das ihr Freund David für sie in Ordnung gebracht hat, gerät ins Wanken. Paul weiß schon, für welche Identität sie sich, kurz vor der Hochzeit stehend, zu entscheiden hat: "Du bist keine Frau für ein Viereinhalb-Minuten-Ei."

Obwohl der Rote Platz und das Bataillon "Roter Oktober" erschwindelt sind, dominiert die Farbe der Liebe und des Weihnachtsmannes den Film. Rot sind vor allem Claires Klamotten, und rot ist auch das steuerrechtliche "Handbuch der Bewertung" in Davids Büro, auf das sie ihren Ring zum Zeichen des Abschieds legt. Ein letztes Angebot, noch einmal abzuwägen? Zu spät, für den Juristen ist die Geschäftsgrundlage längst entfallen. Erst neuneinhalb Monate später kommt es zum Happy End. "Es gibt immer eine Chance für die Liebe", hatte Claire zu Beginn im Chat beteuert. Manchmal gibt es sogar zwei, und so darf auch das Ende der Märchenlogik des gesamten Films gehorchen.

Welcher Logik Arte wohl folgt, uns diese winterliche SWR-Produktion bereits im Sommer vorzuführen? Gewiss, auch der Advent kommt immer früher. Wer allerdings noch nicht in weihnachtlicher Stimmung ist, mag die Romanze aufzeichnen, als stimmungsvolle Notration für kalte Tage. An solch hemmungslos romantischen Geschichten wärmen sich die Herzen dann, wenn wir die Eisblumen von den Scheiben bücken.

Achim Bahnen


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