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TV-Vorschau zu: "Mein Gott, Europa!" Arte, vom 12.06. bis zum 07.07.2000 montags bis freitags um 20.15 Uhr |
F.A.Z. vom 13.06.2000, Seite 50
(sowie übersetzt in: F.A.Z. English Edition, June 15, 2000, page 8) Am Ende ein TraumAnkunft, Abschied, Aufbruch: "Mein Gott, Europa!" (Arte)Manuskriptfassung!Am liebsten würde Philip Noel-Baker Griechenland den Rücken kehren und zurück nach England gehen: zuviel Bürokratie und nichts als Ärger. 1832 erwarb Philips Familie von den Türken ein großes Anwesen auf der Insel Euboia. Beliebt haben sich die Bakers in sechs Generationen nicht gemacht. Philips Vater, ein ehemaliger Labour-Abgeordneter, sympathisierte mit der Militär-Diktatur und drohte nach deren Ende 1974 sein Land zu verlieren. Wie eine Kriegstrophäe holt der Sohn ein Schild des "Kampfkomitees vom 9. Mai" hervor, das den "türkischen Großgrundbesitzer Baker" vertreiben sollte. Noch heute wären die Einheimischen froh, wenn Philip ginge. "Die Bakers sind Tyrannen", sagt einer. Doch Philip bleibt. Im Februar wurde ihm die Rechtmäßigkeit seines Landbesitzes vor Gericht bestätigt, jetzt freut er sich auf ein lukratives Geschäft im Agrartourismus, finanziert mit EU-Geldern. Unterdessen liegt die Arbeitslosigkeit vor Ort noch immer bei achtzig Prozent. Der Film von Marianna Economou ist Teil eines außergewöhnlichen und spannenden Projektes: Fünfzig junge Filmemacher aus den EU-Ländern haben für Arte, BBC und das schwedische TV4 europäische Geschichten aufgezeichnet, die zu zwanzig Folgen von je 26 Minuten Länge zusammengeschnitten wurden. "EUtopia" - ein buntes Kaleidoskop europäischen Miteinanders, das von heute abend an bei Arte unter dem Titel "Mein Gott, Europa!" zu sehen ist. Nur drei der Filme illustrieren ein Thema mit Eindrücken aus vielen verschiedenen Ländern (zum Beispiel den Wahlkampf von Außenseitern für das Europäische Parlament). Die übrigen Folgen erzählen eine einzige Geschichte wie die des Philip Noel-Baker oder stellen zwei Perspektiven gegeneinander: Während illegale Einwanderer von österreichischen Grenzpatrouillen aufgegriffen werden, gewährt der Priester Don Cesare in Süditalien mittellosen Flüchtlingen bei sich Unterschlupf; zwei grundverschiedene Seiten europäischer Asylpolitik. In dieser Gegenschnitttechnik wird das Entstehen einer gesamteuropäischen Wirklichkeit greifbar. Zugleich zeigen die Filme, wie schwer das Zusammenwachsen ist und dass sich neue Gräben auftun können. Eine junge Portugiesin fühlt sich an die Diskriminierung der Schwarzen durch die Weißen erinnert, wenn kaufkräftige Deutsche Haus und Hof ihrer Großmutter kaufen. Bissig kommentiert sie das Auftreten der neuen Eigentümer: "Das erste, was sie tun, ist ihr Land einzuzäunen." Ihr selbst fehlt das Geld, um das Anwesen wieder herzurichten: "Ein Traum geht zu Ende." Gefundenes Paradies für die einen, verlorene Heimat für die anderen: Ankunft, Abschied und Aufbruch sind stets wiederkehrende Motive in den Filmen, die nachdenklich stimmen, aber auch heitere und ironische Züge tragen. In keinem Fall sollte man sich von der ersten Folge abschrecken lassen, die europäische Touristengruppen zeigte. Der verbreitetste und trivialste Zugang zu fremden Ländern, als Urlauber, sollte wohl einen vertrauten und humorvollen Einstieg in die Reihe garantieren. Aber die Bilder von einer deutschen Reisegruppe, der im "Älg-Shop" echte "Elch-Köttel-Halsketten" als Souvenir angeboten werden, sind ebenso belanglos wie die Erkenntnis, dass "ein bisschen Sangria genügt, und schon ist der Finne lebhaft wie ein Spanier". Auch der Grundgedanke der Reihe, Geschichten aus Europa zu erzählen, ging in der Beliebigkeit der ersten Folge gleich verloren. Ein Hauch von EU-Zentralismus liegt übrigens über dem Projekt, denn der endgültige Zusammenschnitt wurde von einem einzigen Regisseur (Colin Luke) ohne direkte Beteiligung der Filmemacher durchgeführt, um der Serie "formelle Kohärenz" zu geben. Es hat der Reihe nicht geschadet. Aber auch das ist Europa: Es traut der eigenen Vielfalt nicht ungeprüft und will die jeweiligen Eigenheiten in einen einheitlichen Rahmen fügen. Ist solch ein Vorgehen unerlässlich, um eine europäische Identität zu formen? Die Filme zeigen, dass der Weg dorthin noch weit ist. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
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