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Nachbericht
zur "TeBio"-Messe in Genua


Seattle al dente

Abgekocht: Italiens Protestformen gegen die Biotechnologie

Manuskriptfassung!
Verona, Anfang Juni

Genua ist nicht Seattle. Der Protestzug Tausender Gentechnikgegner durch die ligurische Hafenstadt wurde in der vergangenen Woche nicht zu dem Fanal, das mancher sich erhofft hatte. Zwar hatte die Presse den Ausnahmezustand beschworen, doch am Ende ging es weitgehend friedlich zu. Ein paar Blessuren hüben und drüben sowie eine Reihe zerschlagener Fensterscheiben, für die zwei aus Mailand angereiste Randalierer mit Geldstrafen belegt wurden. Ein zahmes "Seattle al pesto", wie es hieß, zerkleinert wie die Genueser grüne Soße. Mehr gab der Anlass auch nicht her.

Auf der "TeBio", einem Zwitter aus Ausstellung und Kongress zur Biotechnologie, wurden keine Weichen für die Weltwirtschaft oder die genetische Zukunft des Planeten gestellt. Bei der zum ersten Mal durchgeführten Veranstaltung mit zweiundsechzig Firmen aus sechs Ländern waren beileibe nicht alle großen multinationalen Konzerne standesgemäß vertreten. Der wissenschaftliche Leiter, Leonardo Santi, der zugleich Präsident des Nationalen Komitees für Biosicherheit ist, erhoffte sich von der TeBio-Messe vor allem Anstöße für die italienische Biotech-Industrie; mit landesweit beachteten Protesten hatte er nicht gerechnet.

Der Widerstand, der sich vor allem gegen den Einsatz von gentechnisch modifizierten Organismen in der Landwirtschaft richtet (der Einsatz in der Medizin ist weniger umstritten), trifft in Italien auf einen breiten, auch konservativ geprägten gesellschaftlichen Nährboden. Der Kampf um den europaweiten Schutz nationaler Gütesiegel auf traditionelle Produkte wie Parmaschinken und Parmesan hat die Wertschätzung für "natürliche" Lebensmittel steigen lassen. Die ersten Gemeinden, darunter unlängst ausgerechnet Genua, haben sich wie vormals zu atomwaffenfreien Zonen nun gegen transgene Organismen erklärt. Und die Tatsache, dass der vor kurzem entdeckte gentechnisch manipulierte Import-Raps in den anderen großen EU-Ländern gefunden wurde, konnte den Eindruck verstärken, Italien sei noch ein Hort genetischer Unschuld. Wer weiß schon, dass das bel paese mit 264 Freilandversuchen hinter Frankreich an zweiter Stelle in Europa steht?

Es gibt in Italien durchaus eine kritische Öffentlichkeit, die den Fortschritt in der Biotechnologie seit Jahren mit Skepsis verfolgt. Während deutsche Schriftsteller noch gegen die Rechtschreibreform auf die Barrikaden gehen wollten, unterzeichneten Dario Fo und Umberto Eco schon gemeinsam mit anderen Künstlern und Intellektuellen ein Manifest gegen Biopatente und gegen die Verbreitung gentechnisch veränderter Organismen. Die italienische Regierung aber machte sich die Bedenken der Kritiker zu eigen und erhob (wie die Niederlande) beim Europäischen Gerichtshof Einspruch gegen die EU-Patentrichtlinie "über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen", die das Europäische Parlament 1998 verabschiedet hatte. Über den Einspruch soll in diesem Jahr entschieden werden.

Gleichwohl war die Regierung D'Alema bereit gewesen, die Schirmherrschaft für die TeBio-Messe zu übernehmen, was ihr ein Teil der heutigen Regierung übelnimmt. Dabei steht D'Alema gewiss nicht für einen kritiklosen Umgang mit der Biotechnologie. Im Oktober 1998 hatte er es sich nicht nehmen lassen, an der Präsentation der italienischen Übersetzung von Jeremy Rifkins "Biotech Century" teilzunehmen, obwohl zur gleichen Zeit in den römischen Palazzi hektische Verhandlungen über seine Berufung zum Ministerpräsidenten und Nachfolger Romano Prodis liefen. In Genua dagegen waren führende Politiker, die sich sonst kein Ereignis entgehen lassen, um als Medienklone auf allen Fernsehkanälen zu erscheinen, auf beiden Seiten erstaunlich rar.

Für die TeBio kam die augenfällige Abstinenz einem Affront gleich. Trotz der geerbten Schirmherrschaft hielt sich Umweltminister Bordon bewusst fern und teilte lakonisch mit, dass Italien soeben wie 65 weitere Länder in Nairobi das Cartagena-Protokoll zur Biosicherheit unterzeichnet habe. Auch die übrigen einschlägigen Minister zeigten sich an allen drei Veranstaltungstagen verhindert. Der neue Landwirtschaftsminister Scanio von den Grünen bekundete gar seine Solidarität mit den Demonstranten. Auch die Opposition wollte sich nicht als Fürsprecher umstrittener Technologien in Szene setzen. Erst am Schlusstag schickte die Regierung zwei Staatssekretäre zur Messe und ließ ad hoc verkünden, dass zusätzlich zu dem Komitee für Biosicherheit ein auch mit Kritikern und gesellschaftlichen Vertretern besetzter Beirat für Biotechnologie eingerichtet werde.

In erster Linie war es also ein protokollarischer Erfolg für die Kongressgegner, die auch eine kurze symbolische Unterbrechung der Veranstaltung erzwingen konnten. Bei ihnen marschierten die Sprecherin der Grünen, Grazia Francescato, und Fausto Bertinotti, Chef der oppositionellen Altkommunisten, an der Spitze. Bertinotti schwärmte inmitten der über vierhundert beteiligten Gruppen und Grüppchen, die via Internet nach groben Schätzungen fünf- bis sechstausend Demonstranten mobilisieren konnten, schon vereinnahmend von einer neuen Linken. An sonstiger politischer Prominenz fehlte es aber auch hier, selbst die Gewerkschaften hatten sich den Protestaktionen nicht offiziell angeschlossen.

Man darf diese Zurückhaltung - neben der Furcht vor gewaltsamen Ausschreitungen - als Ausdruck einer allgemeinen Unsicherheit verstehen, wie die Ergebnisse der Biowissenschaften zu bewerten und ihre Anwendungen zu regeln sind. Indem wie schon in Seattle ein Teilbereich der Globalisierung, den man gewöhnlich Experten, gleich ob Ökonomen oder Biologen überlässt, medienwirksam auf die politische Agenda gesetzt wurde, enthüllte sich sogleich das politische Vakuum, in dem bislang für viele keine befriedigenden Antworten auf die Globalisierungsfolgen zu erkennen sind. Ein Vakuum, das in Seattle und in Genua zu spüren war und derzeit wohl in jeder Stadt der Welt zu finden ist.

Achim Bahnen


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