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TV-Vorschau zu:
"Zehn wahnsinnige Tage"
Arte, 12.05.2000, 20.45 Uhr

A 14 mit eigener Durchwahl

Ein Film für Otto Schily: "Zehn wahnsinnige Tage" (Arte)

Manuskriptfassung!

Der Frankfurter Flughafen ist kein Kinderspielplatz. Das weiß auch Otto Schily, und deshalb trägt der Bundesinnenminister dafür Sorge, dass illegal eingeflogene Flüchtlingskinder möglichst schnell an ihre schönen heimatlichen Spielplätze zurück verschickt werden. Das Flughafenverfahren macht's möglich. Von diesem umstrittenen Verfahren, bei dem Asylsuchende noch vor Betreten deutschen Staatsgebiets "exterritorial" abgefangen werden, wird Schily auch nach dem Tod einer erwachsenen Algerierin vor wenigen Tagen nicht abrücken wollen. Flüchtlingsverbände und Kirchen kritisieren immer wieder inhumane und haftähnliche Bedingungen, unter denen Minderjährige besonders leiden. Das müsse er aushalten, meinte Schily vor einem halben Jahr in einem Interview, wenn die Rede vom "Kinderknast mit Teddybär" in der Öffentlichkeit "eine bestimmte emotionale Reaktion hervorrufen" solle.

Ein Kinderknast ist heute abend in der Koproduktion von SWR und Arte "Zehn wahnsinnige Tage" nicht zu sehen, denn unter diesem wenig aussagekräftigen Titel legt Christian Wagner, der 1989 mit "Wallers letzter Gang" bekannt wurde, keinen Dokumentarfilm vor, sondern nach dem Drehbuch von Stefan Dähnert einen tragisch-heiteren Liebesfilm mit politischem Hintergrund. Nur äußerlich dreht sich das Drama um acht im Transitbereich versteckte Kinder, die stets adrett und proper aus dem Container kriechen und letztlich nur Staffage bleiben. Das eigentliche Drama spielt sich in Felix Breitinger ab.

"Jeder Mensch hat irgendwann seine große Zeit. Bei mir waren es genau zehn Tage." Felix (gespielt von Fabian Busch), gerade zwanzig Jahre jung, steht als Polizeischüler kurz vor der Abschlussprüfung. Ein Milchgesicht, das sich bereits als "gestandenen Polizisten" sieht, beim Hau-den-Lukas aber eine Schlagkraft zwischen Anfänger und Hausfrau zeigt; ein Streber, der zwar die Demokratiepyramide erklären kann, aber noch nicht gelernt hat, was es heißt, im Einsatz erst auf Eigensicherung zu achten. Daher entwischt ihm nach einer gewaltsam endenden Demonstration die ebenso schöne wie rätselhafte Inderin Ra (Indira Varma in einem beachtlichen deutschen Film-Debüt). Ra fesselt Felix in jeder Hinsicht und - sie ist die Hüterin der Flüchtlingskinder - stürzt ihn mit Kalkül ins Chaos der Gewissensnöte.

Der überzeugend dargestellte Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Kopf und Herz, wächst sich für Felix zur lebenswendenden Krise aus. Doch bekanntlich weiß nicht jeder in Wendezeiten die sich bietende Chance auch zu nutzen. Am Ende wird Felix zwar wie die Demonstranten, denen er zu Beginn in grüner Uniform begegnet, ein orangerotes Leibchen tragen, und dennoch nicht an ihrer Seite stehen.

Obwohl sie nicht geradlinig verläuft, trägt die absehbare Annäherung zwischen Felix und Ra, die an die Stelle harter Handschellen zarte Bande treten lässt, szenenweise Züge einer nachholenden Teenagerromanze. Das verleiht dem Film eine charmante Leichtigkeit, anstatt ihn mit interkulturellem Ballast zu überfrachten. Auch in der Polizeischule herrscht ein spätpubertäres Klima vor. Der Beamtennachwuchs, dem staatstragende Besinnungsaufsätze "nicht unter zehn Seiten" aufgegeben werden, balgt und brüstet sich nach bester Halbstarkenmanier, wobei manch einer von der Aussicht angespornt wird, in absehbarer Zeit das Lebensziel "A14-Stelle mit eigenem Büro und Durchwahlnummer" zu erreichen. Bei Personenkontrollen führen Felix und Kumpanen sich auch schon mal wie ungestüme Jungbullen auf. Da nimmt es selbst der zarte Felix mit der Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht so genau, die er zuvor noch brav und prüfungstauglich als Richtschnur staatlicher Gewalt gepredigt hatte.

Wenn schließlich 120 Polizisten anrücken, um die acht Kinder aufzufinden und mit dem nächsten Flugzeug abzuschieben, übersteigt dies auch für Felix' Ausbilder Lancelle, von Rüdiger Vogler mehrdeutig und verschlossen dargestellt, die Grenzen der Verhältnismäßigkeit. Doch da sind Felix die Mittel schon egal, da sich sein Ziel geändert hat. Vom Showdown sei nur soviel verraten: Tote gibt es nicht. Der Bundesinnenminister kann in Ruhe schlafen.

Achim Bahnen


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