| Achim Bahnen > Texte | Homepage: www.acba.de |
|
TV-Kritik zu: "Tragödien der Technik" ZDF, 5., 12. und 19.03.2000, 19.30 Uhr |
F.A.Z. vom 21.03.2000, Seite 50
Wenn Manager entscheidenIst großes menschliches Versagen: "Tragödien der Technik" (ZDF)Am 28. Januar 1986 erlebt das Menschheitsunternehmen Raumfahrt seine größte Katastrophe. Dreiundsiebzig Sekunden nach dem Start in Cape Canaveral explodiert die amerikanische Raumfähre "Challenger", weil ein Dichtungsring an der rechten Feststoffrakete bei den ungewöhnlich niedrigen Außentemperaturen versagt. Sieben Astronauten finden den Tod Wenn es im technischen Zeitalter noch Tragödien gibt, dann war die Challenger-Katastrophe eine solche. Dankbar nahm das ZDF sie in die Reihe "Tragödien der Technik" auf und versuchte die Tragik fernsehgerecht zu inszenieren. Was die Bilder nicht zeigten und was dem Zuschauer verschwiegen wurde: dass die Tragik dieses Unglücks nicht im technischen Versagen eines Kleinstteils lag, sondern im verantwortungslosen Handeln des Managements, begünstigt durch verantwortungsfeindliche Strukturen. Die Challenger-Katastrophe ist ein Lehrstück über Wirtschaft, Technik und Moral, dessen Aufklärung sich vor allem der Hartnäckigkeit Richard Feynmans verdankt. Der inzwischen verstorbene Physik-Nobelpreisträger sorgte in der vom amerikanischen Präsidenten eingesetzten Kommission dafür, dass die Nasa ihre Verschleierungstaktik aufgab und die Wahrheit ungeschminkt ans Licht kam. Das Problem einer Kälteversprödung der Dichtungsringe war bekannt. Stunden vor dem Start hatten zwei Ingenieure des Raketenherstellers Thiokol noch einmal darauf hingewiesen. Aber die Nasa wollte den Start nicht ein weiteres Mal verschieben und machte Druck auf Thiokol. Dort sah man die Gefahr, den Großkunden zu verlieren, und wollte "eine Management-Entscheidung" treffen. Bei der internen Beratung fiel der folgenschwere Satz: "Take off your engineering hat and put on your management hat." Unter der Tarnkappe wirtschaftlichen Kalküls verschwanden die technischen Zweifel. Die Firma zog ihre Einwände zurück, und der zuständige Projektmanager der Nasa teilte seinem Programmdirektor mit, Thiokol habe keinerlei Bedenken gegen eine Startfreigabe. Auf dieser Ebene waren die Einwände der Ingenieure gar nicht mehr erkennbar, sondern regelrecht herausgefiltert worden. Die hierarchische Struktur des Entscheidungsprozesses führte dazu, dass verantwortliches Handeln nicht mehr möglich war, nachdem sich das wirtschaftliche Interesse durchgesetzt hatte. Das alles konnte man im Film von Friedrich Steinhardt (Buch) und Gabriele Wengler (Regie) nicht erfahren. Der - wohl zutreffende - Kommentar des deutschen Astronauten Ulrich Walter, mit den heutigen Entscheidungsstrukturen der Nasa wäre die Challenger-Katastrophe vermieden worden, war für den Zuschauer daher nicht nachvollziehbar. Er fügte sich vielmehr in den optimistischen Gesamteindruck des Films, der die Geschichte der Raumfahrt als ein großes Abenteuer mit kleinen Tragödien schilderte. "Das All hat uns herausgefordert. Der Mensch hat alles in seine Hände genommen und hat gesagt: Ich werde überleben. Und er hat überlebt." Als der russische Kosmonaut Alexander Lasutkin dieses Fazit spricht, hat der Film die Toten schon vergessen. Den anderen beiden Folgen der neuen Staffel war zumindest die kritische Absicht nicht abhanden gekommen. Zu eindrucksvollen Bildern gesellten sich nachdenkliche Sentenzen. Aber ob es um die Bohrinsel Piper Alpha oder das Kernkraftwerk Tschernobyl ging: Die Kamera konzentrierte sich auf dramatische Rettungsaktionen und Unfallfolgen, während die Hintergründe höchstens beiläufig kommentiert wurden. Ein flammendes Inferno ist eben telegener als akribische Fehleranalyse. So blieb auch im letzten Teil (Regie: Fritz Baumann) zum Zugunglück in Eschede, bei dem 101 Menschen starben, die Aufklärung auf der Strecke. Als Unfallursache wurde zwar der gebrochene Radreifen erwähnt, verschwiegen aber, dass Sachverständige die niedrigen Toleranzgrenzen der Deutschen Bahn für nicht nachvollziehbar halten. Da hatte ein ZDF-Film im Mai letzten Jahres schon weitaus mehr an kritischer Aufklärungsarbeit geleistet. Die wachsende Komplexität technischer Systeme erweckt den Eindruck, sie seien unbeherrschbar geworden. Aber noch ist die Technik kein anonymes Subjekt, dem der Mensch als Opfer ausgeliefert wäre. Oft sind es Leichtsinn oder wirtschaftliche Motive, die dazu führen, Technik nicht de lege artis anzuwenden. Diese Einsicht ging leider in den "Tragödien der Technik" verloren, deren Titel zweifach in die Irre führt: Auch heute sind Katastrophen nicht Tragödien für die Technik, sondern für die betroffenen Menschen. Und Menschen sind fast ausnahmslos dafür verantwortlich. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
F.A.Z.
, acba
Kommentar erwünscht an: achim.bahnen@gmx.net |
P.S.: Auszüge aus dem Bericht der im Text genannten Kommission sind bei der Nasa <hier> zu finden. |
| Document source: http://www.acba.de | Copyright © acba 2000-2007 |
Last change: 2007-03-11
|