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Glosse
zur Umbenennung der "Aktion Sorgenkind" in "Aktion Mensch"

Aktion Mensch

Ein falsches Wort macht beste Absichten zuschanden, ein richtiges zur rechten Zeit führt aus verfahrenen Situationen. Auch in der Welt der Bilder und Piktogramme bleibt das Wort die Leitwährung des kommunikativen Handelns. Doch dieser Münze muss man ansehen, wofür sie steht. Die "Aktion Sorgenkind" hat nach sechsunddreißig Jahren einen Wortwechsel vollzogen und nennt sich seit dem 1. März lakonisch "Aktion Mensch". Das ist der größte gemeinsame Nenner sozialen Engagements, den nahezu jeder Verein für sich reklamieren darf, gleich ob er sich der Opfer des Nationalsozialismus, entwurzelter Aussiedler oder rnisshandelter Frauen annimmt. Selbst Kunst- und Sportvereine könnten sich darauf berufen, dass es ihnen nicht minder um den Menschen geht. Und wie erst die politischen Parteien. Sie alle stimmen dankbar ein in Goethes "Selbstgefühl": Jeder ist doch auch ein Mensch! Mit der einfallslosen Umbenennung wird der durchaus anstößige Anlass der Aktion in einen Namen ohne Eigenschaften umgemünzt. Aber entgegen dem ersten Anschein handelt es sich nicht einfach um politisch opportune Sprachverdrehung wie im Fall der neo-orwellschen "Gesundheitskassen". Den negativ behafteten, auf Mitleid und Unmündigkeit zielenden Begriff des "Sorgenkindes" galt es endlich zu entsorgen, zumal sich mit der Kritik an ihm der Vorwurf verband, die als Reaktion auf die Contergan-Katastrophe gegründete Organisation trage letztlich bei aller Hilfe zur Marginalisierung behinderter Kinder bei. Viele Betroffene empfanden den alten Namen als Demütigung. Zwar bringt jede Behinderung ihre eigenen Sorgen mit sich; doch nicht jedes Kind mit Down-Syndrom ist ein Sorgenkind, und viele nichtbehinderte Kinder sorgen für weitaus größere Probleme. Außerdem fördert die aus Spenden und der ZDF-Lotterie finanzierte Behindertenhilfe seit langem Projekte für Menschen aller Altersstufen (darunter übrigens auch Obdachlose) sowie sozial, nicht geistig oder körperlich benachteiligte Kinder. Zu Recht soll jetzt ein positives Bild vermitteln, dass Menschen mit Behinderung - wie immer man diese definieren mag - genauso Menschen mit Stärken und mit Schwächen sind. Der neue Name der Aktion bringt dies allerdings so wohlmeinend verkürzt zum Ausdruck, dass die Pointe ganz verloren geht. Dabei scheitert die Integration Behinderter in unserer Gesellichaft tatsächlich oft genug an sprachlich provozierten Denkblockaden. Viele Unternehmen zahlen lieber eine Schwerbehindertenabgabe, anstatt selbst entsprechende Arbeitsplätze (sechs Prozent sind gesetzlich vorgeschrieben) einzurichten. Welcher Arbeitgeber weiß denn schon, dass auch ein zu "hundert Prozent" schwer behinderter Arbeitnehmer bestimmte Arbeiten in vollem Umfang ausführen kann? Und wer vermutet hinter einem "behindertengerechten" Arbeitsplatz schon einen mit staatlichen Zuschüssen einzurichtenden Hightech-Posten, der modernste Spracherkennung und computerunterstütztes Modellieren bieten kann? Vieles wäre gewonnen, wenn die Gesellschaft mehr über die Nöte, aber auch die Fähigkeiten (und, nebenbei bemerkt, die häufig unverstellte Lebensfreude) ihrer behinderten Mitmenschen wüsste. Bleibt zu hoffen, dass die "Aktion Mensch" dazu einen konkreten Beitrag leistet, während ihr Name nun im unkonkreten Allgemeinen zirkuliert.

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