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Bericht
über einen Vortrag von DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker in Berlin am 08.02.2000

Wer nicht zieht, der wird geschoben

Gegen Gen-Therapie? Ach jein! DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker scheint dem Druck zu weichen

Ein zuverlässiger Indikator für moralische Konflikte ist das Herumdrucksen. Politiker führen dies der Öffentlichkeit im Moment zur Genüge vor. Auch Forschungspolitiker müssen sich beizeiten in der Kunst des Lavierens üben, doch in der Regel nicht, um Abbitte für schon begangene Taten zu leisten, sondern wenn es darum geht, die Zustimmung für beantragte Forschungsprojekte zu erhalten.

Ernst-Ludwig Winnacker ist ein renommierter Wissenschaftler (er leitet das Genzentrum der Universität München) und nicht erst seit 1998, als er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde, ein einflussreicher Forschungspolitiker. Als Sachverständiger saß er in der Enquetekommission des Bundestages zur Gentechnologie und wird von Kritikern gern als "Papst der Gentechnologie" bezeichnet. Wie es sich für einen Papst gehört, weiß Winnacker, "was wir dürfen und was wir nicht dürfen". Unter diesem Titel trug er am Dienstag in Berlin Überlegungen zu gentechnischen Eingriffen am Menschen vor. Doch ganz so deutlich wusste Winnacker wohl selber nicht, was wir dürfen wollen sollen, denn er wand sich bei Fragen nach dem Embryonenschutzgesetz und Keimbahneingriffen mehrfach zwischen Ja und Jein und Nein.

Schon während seines Vortrags sagte Winnacker, dass gegen die Verhinderung der Weitergabe schwerer Erbkrankheiten "nichts einzuwenden" sei, nur sei das "schöne Ziel mit vielen Hürden und Risiken behaftet". In der Diskussion fügte er hinzu, bei "schwersten Erbkrankheiten" wie Chorea Huntington (dem erst im Erwachsenenalter ausbrechenden "Veitstanz") seien Eingriffe in die menschliche Kennbahn "eigentlich vertretbar", da habe er sich überzeugen lassen. Auf die Nachfrage, ob er tatsächlich für die Keimbahntherapie eintrete, brach Winnacker den Satz, der mit "befürworten" hätte enden müssen, dann doch noch ab und sagte: "Ich sehe wenig, was dagegen spricht." Nur machten die bestehenden Risiken für die betroffenen Frauen und Embryonen es "indiskutabel", solche Experimente durchzuführen. Warum aber beginnt man über Indiskutables zu diskutieren? Noch 1997 konnte man lesen, Winnacker sei der "Gretchenfrage der Genforschung", dem Eingriff ins menschliche Erbgut, nie ausgewichen und lehne dies entschieden ab. Wie lange mag die Entschiedenheit jetzt noch halten, wenn der DFG-Präsident die Keimbahnmanipulation zwar für "ethisch nicht vertretbar" hält, wie die Pressestelle der DFG am Mittwoch klarzustellen versuchte, doch nicht aus grundsätzlichen Einwänden, sondern aufgrund derzeitiger Risiken? Bei der somatischen Gentherapie, deren Eingriffe nicht an Nachkommen vererbt werden, zeigte Winnacker sich immerhin bereit, Todesfälle - wie sie jetzt in den Vereinigten Staaten bekannt geworden sind - in Kauf zu nehmen. Das sei zwar höchst bedauerlich, doch bei der Einführung der Polioimpfung nicht anders gewesen.

Auch zum Thema Embryonenforschung deutete Winnacker eine vorsichtige Aufweichung bisheriger Positionen an. Er selbst sei ja als Befürworter des Embryonenschutzgesetzes bekannt und somit "unverdächtig" - "aber der Druck auf mich, das zu verändern, ist groß". In der Diskussion machte Winnacker nicht den Eindruck, er werde diesem Druck erheblichen Widerstand entgegenstellen. Wir Deutsche seien schließlich "Heuchler", wenn es bei uns inzwischen Tausende von Retortenbabys gebe, die Forschung zu dieser Technologie aber verboten sei. Hier suchte Winnacker um Zustimmung beim assistierenden Philosophen und fand sie wie gewünscht.

Ach ja: Dem Genforscher war mit Kurt Bayertz ein echter Philosoph zur Seite gestellt. Doch "ethische Bedenken" konnte Bayertz bei Winnackers Vortrag "beim besten Willen nicht mobilisieren", und so beließ er es bei "komplementären" Zusprüchen. Der vom Publikum geäußerte Wunsch, er möge doch qua Profession auch eine ethische Position beziehen, verhallte ungehört, die ihm probehalber angebotene "transzendentale Freiheit" schien ein Fremdwort. Vor Jahren mahnte Bayertz, wir müssten auch "Verantwortung für die Folgen unserer moralischen Reflexion" übernehmen. So machen es sich Philosophen leicht: Wer auf moralische Reflexion verzichtet, erspart sich auch die Ethikfolgenabschätzung.

Schließlich meinte Winnacker, der effekthaschende "Codex für Anthropotechniken" sei nun einmal längst "angedacht", und er werde weiterhin versuchen, ihm Anerkennung zu verschaffen. Aber welchen Wert hat ein Codex, der dem technisch Möglichen stets angeglichen wird? Mit dem ersten Retortenbaby, so Winnacker, habe man den Rubikon überschritten. Das heißt: Von da an ging es nur bergab, und auch wenn Winnacker zu bremsen glaubt, so wird er doch geschoben.

Achim Bahnen


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