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Protest und Absage

Warum Dieter Birnbacher in Berlin nicht reden darf

Am morgigen Samstag veranstaltet die Stiftung für das behinderte Kind in Berlin ein Symposium zu Möglichkeiten und Grenzen der Reproduktionsmedizin. Dabei wird es vor allem um die medizinischen Aspekte gehen. Die ethischen Fragen wollte der Stiftungsvorsitzende, der Geburtsmediziner Joachim Dudenhausen von der Charité, mit dem Düsseldorfer Philosophen Dieter Birnbacher in einer öffentlichen Veranstaltung erörtern. Zu seinem Vortrag unter dem Titel "Schöne neue Welt?" lud die Stiftung gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung ein. Doch der Vortrag findet heute nicht statt, vor einer Woche erhielt Birnbacher eine Absage. Die Konrad-Adenauer-Stiftung behauptet, es habe "terminliche Schwierigkeiten" gegeben. Verwunderlich, denn weder war der Referent verhindert, noch ist Mitveranstalter Dudenhausen etwas von Terminproblemen bekannt. Er weiß dagegen von anderen Schwierigkeiten zu berichten.

Birnbacher hat sich mit Beiträgen zur ökologischen Ethik und zur "Verantwortung für zukünftige Generationen" (so ein Buchtitel von 1988) einen Namen gemacht. Durch Arbeiten zur medizinischen Ethik wurde er zum Ethik-Berater der Bundesärztekammer, zurzeit sitzt er dort in den Kommissionen "Organtransplantation" und "Somatische Gentherapie". Doch Birnbacher erregt mit seiner Moralphilosophie auch moralischen Anstoß. Mit seiner Studie "Tun und Unterlassen" kratzte er an einer von vielen für - vor allem bei Fragen der Sterbehilfe - fundamental gehaltenen Unterscheidung. Sein folgenorientierter Ansatz, im angelsächsischen Raum als Utilitarismus verbreitet, gilt in Deutschland vielen als menschenwürdewidrig. Sie sehen sich bestätigt, wenn es in einem Aufsatz Birnbachers von 1990 heißt, der Mensch werde erst mit der Durchtrennung der Nabelschnur zum "Träger individueller Menschenwürde". Und auf dem Deutschen Kongress für Philosophie setzte sich Birnbacher im vergangenen Oktober in Konstanz unter dem Titel "Selektion am Lebensbeginn - ethische Aspekte" für eine erweiterte Freigabe selektiver Abtreibungen bis zur Geburt ein.

Für den Bundestagsabgeordneten Hubert Hüppe (CDU), einen engagierten Lebensschützer, war es daher unbegreiflich, dass ausgerechnet Birnbacher nun über ethische Probleme der Fortpflanzungstechniken reden sollte. "Geschmacklos" fand er vor allem, dass die Veranstaltung einen Tag nach dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus angesetzt war, noch dazu in der Tiergartenstraße. Nun war der Zeitpunkt zwar ebenso zufällig wie der Ort gewählt, und die Konrad-Adenauer-Stiftung hat ihren Sitz in der Tiergartenstraße 35 doch einige Häuser entfernt von jenem Bau, der dem von dort gesteuerten Euthanasieprogramm "T4" der Nationalsozialisten den Namen gab. Hüppes Empörung zeigt jedoch, auf welche Empfindlichkeiten Birnbachers Thesen stoßen.

Hüppe wandte sich nach eigenen Angaben per Fax an die Konrad-Adenauer-Stiftung und sprach auch mit Generalsekretär Wilhelm Staudacher, "um Schaden abzuwenden". Man dürfe jemanden wie Birnbacher nicht zu diesem Thema bei einer Stiftung mit christlichem Bildungsauftrag reden lassen. Falls man nicht absage, werde er selbst versuchen, "öffentlich Protest zu machen". Gegenüber Mitveranstalter Dudenhausen kündigte er fernmündlich an, es werde zu einer regen Teilnahme und zu Protesten von Behindertenvertretern kommen. Als Drohung wollte Hüppe diese Ankündigung gleichwohl nicht verstanden wissen. Dudenhausen aber befürchtete Störung und Krawall und sah die Stiftung für das behinderte Kind schon in den Medien gegen Behinderte auf dem Podium stehen. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde der Vortrag daraufhin nach Rücksprache mit der Konrad-Adenauer-Stiftung abgesagt. Den Teilnehmern des morgigen Symposiums schrieb Dudenhausen, seine Stiftung bedaure diese Entwicklung, doch "politische Klugheit und ethische Sensibilität" machten eine Absage "zur Vermeidung eskalierender Gewalt" erforderlich. Eine neue Veranstaltung ist zwar vorgesehen, aber weder Zeitpunkt noch Rahmen dafür sind derzeit absehbar.

Der Konrad-Adenauer-Stiftung scheint der Vorgang reichlich unangenehm zu sein, denn die Geschäftsleitung verbreitet über die Pressestelle noch immer die Version, Terminprobleme seien ausschlaggebend gewesen.

Achim Bahnen


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