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Ein Beitrag für die "Stil"-Seite.
(Zeichnung: Oliver Sebel.)

Husten im Neujahrskonzert

Illustration

Der Winter ist da, der Husten hat uns wieder. Und wo geht der Mensch hin, wenn er einen Husten hat? Den HNO-Arzt kann sich heute doch niemand mehr leisten. Und zuhören tut er einem auch nicht. Nein: Wer hustet, geht in den Konzertsaal. Der Akustik wegen. Und fürs Selbstbewusstsein. Da kann man Hunderten von Menschen endlich einmal etwas husten. Hauptsache, das Orchester spielt nicht zu laut. Sonst muss man sich die Pausen aussuchen, die Zäsuren. Das kann nicht jeder. Abwarten, minutenlang jeglichen Bronchialreflex unterdrücken. Eine Tortur. Und dann den richtigen Moment nicht verpassen. Bloß nichts vermasseln. Kein zaghaftes "ahem", ein kleiner Paukenschlag muss es schon sein. Damit das Warten sich gelohnt hat. Und auch der dritte Rang etwas mitbekommt. Hier bin ich. Im Dunkel des Zuhörerraums versteckt, aber nicht verschwunden. Unüberhörbar. Reine Präsenz. Ich huste, also bin ich. Das Ego wächst. Zugleich ein urdemokratisches Geschehen. Jede Stimme zählt. Es stimmt, nicht alle können richtig husten. Dilettanten, die sich schon im ersten Satz verausgaben und für das zarte Adagio nur noch ein leises Röcheln übrig haben. Blender, die vor Konzertbeginn große Töne spucken, und zwischendurch keinen Ton mehr heraus bekommen. Alles schon dagewesen. Dabei kann man doch üben. Wozu gibt es CDs? Für den Anfänger empfehlen sich Live-Aufnahmen, das senkt die Hemmschwelle. Manche sind an Studio-Einspielungen gescheitert. Richtiggehend zerbrochen. Siebzig Minuten im Lehnstuhl gesessen und sich kein einziges Mal zu husten getraut. Doch wer sowas übersteht, der hustet überall. Glanzvolle Aussichten. Solistenkarriere. Met, Scala. Neujahrskonzert. Ein Profi-Huster, der ungenannt bleiben möchte, erzählt heute noch mit glänzenden Augen, wie er mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan gehustet hat. Zwei Zugaben. Und nie aus dem Takt gekommen. Zuhause saß die Familie am Radio. Gut und verständlich, haben sie gesagt. Sogar die Zeitungen sprachen darüber. Ein festes Engagement stand in Aussicht. Dann der Skandal. Gerüchte. Er benutze ein Megaphon bei seinen Auftritten. Ein Brüll-Implantat. Alles gelogen. Aber der Ruf dahin. Seitdem nur noch Provinzmucken. Zum Glück gibt es keine Altersgrenze. Aber heute kann es dem Huster passieren, dass ihm der Nachbar ein Hustenbonbon anbietet. Kein Respekt mehr vor ehrlicher Arbeit. Und keine Rücksicht. Dieses Knistern der Bonbonfolie!

Achim Bahnen


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