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Ein Beitrag für die "Stil"-Seite.
(Zeichnung: Oliver Sebel.)

Klickt was? "Dalli-Dalli"

Illustration

Ereignisdichtenmaximierung lautet der Imperativ zeitgemäßer Spiel- und Freizeitgestaltung. Geradezu gemütlich wirkt dagegen im Rückblick eine Fernsehshow wie "Dalli-Dalli", obwohl sie den vom polnischen "dalej" abgeleiteten Anfeuerungsruf zum "Vorwärts, weiter!" im Namen führte. Fester Bestandteil des von 1971 an im ZDF stets zur besten Sendezeit gezeigten Dauerbrenners war ein Ratespiel, das einen stummen Protest gegen die mediale Gegenwartsschrumpfung in Szene setzte. Wenn Hans Rosenthal mit "Dalli-Klick!" den Startschuss gab, mussten die prominenten Gäste erraten, was auf einem Foto abgebildet war, wobei die Aufgabe dadurch nicht unwesentlich erschwert wurde, dass das mit Schablonen abgedeckte Dia erst Schritt für Schritt ans Licht kam. Ein Anti-Puzzle, bei dem nicht Einzelnes zu einem bereits bekannten Ganzen gefügt, sondern das Ganze erst aus seinen schon richtig platzierten Teilen bestimmt wurde. Meist galt es bedeutende Kulturgüter zu erkennen: Neuschwanstein, einen Sessellift oder Roberto Blanco. Ästhetik wie Sujet der Fotos waren durchweg konventionell und gewannen ihren diskreten Reiz erst durch die polygonale Teilansicht. Die Fragmente aber durften keine semantische Eigenständigkeit entfalten, sondern blieben dem Gesamtbild zugeordnet. Kreative Lösungsvorschläge ("ein Goldfisch in der Wüste Gobi") quittierte die gestrenge Jury statt mit den erhofften Punkten bestenfalls mit einem Lachen. Das Ganze ist das Wahre, so lautete die Botschaft von "Dalli-Klick". Doch barg das harmlose Spiel auch einen subversiven Kern, denn es setzte nicht nur ein Fanal gegen den Zerfall der Welt und ihrer Bilder, sondern inszenierte just im Fernsehen den Aufstand gegen das bewegte Bild. Statt fünfundzwanzig Bildern pro Sekunde genügte eine Handvoll pro Minute. Mochten "Dalli-Dalli" und "Dalli-Klick" auch noch so sehr nach Eile und Akkord klingen, die Teilnehmer gar ins Schwitzen kommen - das Standbild feierte schließlich seinen stoischen Triumph über den Bewegungsrausch wilder Kamerafahrten. Wahrlich auf die Spitze trieb es die Bildregie in späten Jahren, wenn Hans Rosenthals Begeisterungssprung ("Sie sind der Meinung: Das war spitze!") auf dem Höhepunkt für Augenblicke eingefroren wurde. Fünfzehn Jahre hielt sich die Sendung, eine Neuauflage der alten Spielidee scheiterte kläglich. Das überrascht nicht weiter. Heute ist jeder Zuschauer sein eigener Showmaster. Mit der Fernbedienung zappt er rasch durch die Kanäle und versucht sich den Programminhalt aus fragmentarischen Momentaufnahmen zu erschließen: Dalli! Klick.

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