| Achim Bahnen > Texte | Homepage: www.acba.de |
| Ein Beitrag zur Sloterdijk-Debatte. |
F.A.Z. vom 18.09.1999, Seite 41
Genetik braucht GenethikNiemand regt sich über die Naturwissenschaft aufDas bisher nur von wenigen Stimmen durchbrochene Schweigen zum eigentlichen Thema von Sloterdijks Vortrag, dem Humanum im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit, ist erstaunlich. Wann lohnt sich öffentliche Diskussion, wenn nicht nach einem solchen Paukenschlag? Chancen und Risiken der Gentechnologie - darüber lässt sich doch, auch über ein Jahrzehnt nach Abschluss der gleichnamigen Enquete-Kommission, noch immer trefflich streiten; wie sehr erst, wenn es um die Verbesserung der menschlichen Gattung geht. Dass der Karlsruher Kyniker in seinem "Nachtstück" die fragende Vorschau mit exegetischem Rückblick verband, kann nicht der Grund für die Zurückhaltung von Genforschern und ihren Kritikern sein. Zwar werden den nun publizierten Text voraussichtlich so viele Biologen lesen, wie Philosophen allwöchentlich "Nature" studieren, aber die Forderung nach einem "Codex der Anthropotechniken" hätte den Anthropotechnikern wie den Kodifizierern eine Antwort wert sein können. Ach, die Philosophen, so hört man manchen Fachmann stöhnen: verstehen nichts von Gentechnik und fabulieren fröhlich über alle wissenschaftlichen Details hinweg ins Reich der Phantasie hinein. Aber war es nicht der Molekularbiologe Lee Silver, der in seinem Buch "Die geklonte Zukunft" das biotechnologische Zeitalter vier Jahrhunderte in die Zukunft extrapolierte? Silver und Sloterdijk, die beiden so verschiedenen gen-ethischen Provokateure, lassen sich das Zeitfenster ihrer Perspektiven nicht durch die Halbwertszeit gesicherter Prognosen beschränken. Zurecht: Die Fortschritte allein der letzten Jahre haben gezeigt, dass das Denken dem Können nie weit genug voraus sein kann, um schließlich doch nur mühsam mit ihm Schritt zu halten. Im Übrigen wechseln die Experten bei ihren Prognosen bekanntlich gern die Zeitskalen. Erfolge werden meist in greifbare Nähe gerückt, potenzielle Gefahren dagegen lieber in die etwas fernere Zukunft verlegt. Jens Reich hat soeben in der "Süddeutschen Zeitung" die gezielte genetische Beeinflussung komplexer Eigenschaften als "absolut unmöglich" bezeichnet. Das überrascht, bezieht das "Human Genome Project" aus derartigen Phantasien, die sich laut Reich "von selbst erledigen werden", doch immerhin ein gutes Stück Motivation, von stattlichen Forschungsbudgets ganz zu schweigen. Wird hier zum wiederholten Male der erste Akt des gentechnischen Beschwichtigungsspiels gegeben? Mit diesem Gestus nüchternen Realitätssinns - wir können es nicht und werden es nie können - lässt sich jedes versuchte Vorausdenken als unzeitgemäßer Luxus bloßstellen. Rücken dann doch zunächst unbedachte Optionen in den Bereich des Möglichen, heißt es im zweiten Akt: Auch wenn wir könnten, wollten wir nicht. Das war bis vor einiger Zeit der Stand in Sachen Keimbahnmanipulation. Noch immer wird in Deutschland als öffentlicher Konsens beschworen, dass es Eingriffe in die menschliche Keimbahn nicht geben darf und wird. Auf einem Kongress in Los Angeles im März vergangenen Jahres dagegen war der Tenor, dass nicht mehr das Ob, sondern nur noch das Wie, Wann, Wo, Für-wen und In-welchem-Umfang zur Debatte stehen. Nobelpreisträger James Watson befürwortete ausdrücklich die Schaffung "besserer menschlicher Wesen". Und schon wird die deutsche Trutzburg geschleift. Detlev Ganten vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin sprach sich vor wenigen Monaten in einem Interview für die Keimbahntherapie aus, die in manchen Bereichen eine Alternative sein könnte: "Welches jeweils die beste ist, wird die Wissenschaft zeigen." Und, so muss man ergänzen, sie wird die beste auch anwenden. Der Wissenschaft ist das Gesetz des Handelns in der Biomedizin kaum zu nehmen, da sie vom Leidensdruck der (aktualen oder potentiellen) Patienten legitimiert wird. Dritter und letzter Akt: Wir können und wir machen, denn es gibt unverdächtige Individuen, die wollen. Wer heilt, hat Recht, lautet der kategorische Imperativ der Medizin, in dem der Selektionsdruck zum Gesunden schon enthalten ist. Was braucht die Menschentechnik einen Codex, wenn Mensch und Technik wie von selbst zusammenfinden? Die Bioethik, die sich zur maßgeblichen Disziplin für moralische Aspekte der Anwendungen von Gen- und Biotechnologie erklärt hat, spielt in diesem Spiel nur eine Nebenrolle. Sie will den Fortschritt zwar nicht bloß kritisch begleiten, sondern ihm bei Bedarf auch Einhalt gebieten. Der Nachweis effektiver Bremswirkung muss aber noch erbracht werden. Sie wird strukturell dadurch verringert, dass die Bioethiker selbst in dem Zug sitzen, den sie gegebenenfalls anhalten wollen: Stünde er still, käme auch der bioethische Betrieb zum Halten. Die Kopplung zwischen biomedizinischer Forschung und Ethik ist stark genug, damit die Bioethik letztlich harmlos bleibt. Es wäre verständlich, wenn Molekularbiologen und Mediziner sich durch Sloterdijks Überlegungen nicht herausgefordert fühlen. Gesprächspartner, die sich auf Heidegger, Nietzsche und Platon berufen, könnten den Zug womöglich an den Abgrund führen oder aber andere externe Bremssysteme auslösen, die bisher nicht angesprungen sind. Auf eindeutige Ankündigungen von Naturwissenschaftlern, in Zukunft allen Sonntagsreden zum Trotz Keimbahnmanipulationen durchzuführen, hat bislang noch kein Philosoph und kein Feuilleton so heftig reagiert wie auf die vieldeutige Rede Peter Sloterdijks. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
F.A.Z.
, acba
Kommentar erwünscht an: achim.bahnen@gmx.net |
| Document source: http://www.acba.de | Copyright © acba 2000-2007 |
Last change: 2007-03-11
|