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Ein Beitrag für die "Stil"-Seite.
(Zeichnung: Oliver Sebel.)

Wir freuen uns

Illustration

Die "Bild"-Zeitung mag ihre Schwächen haben, doch man unterschätze nicht ihren Einfluss auf die Lage der Nation. "Deutschland freue Dich", dekretierte sie zur Wiedervereinigung in Lettern, die uns schwarzrotgolden über die Seite hinauszuragen schienen. Kein Jahrzehnt ist vergangen, und Träume wurden wahr: Deutschland freut sich, Tag für Tag. "Wir freuen uns, Ihnen die Ausgabe unseres Newsletters übersenden zu können", verkündete im Frühjahr wonnetrunken die Telekom den T-Aktionären. War das Rundschreiben denn in Gefahr? Stand die Druckerpresse still, lahmgelegt von freudenfeindlich Streikenden? Nicht doch, die Freude gilt dem Selbstverständlichen, aber sie wirkt ansteckend. Der Kunde freut sich mit an der ihm mitgeteilten Freude und die bescheidene Serviceleistung wird zum Auslöser endorphingestützten Hochgefühls. Und die nächste kräftige Gemütswallung, ein wahres Freudenfest, ist ganz nahe, erwartet uns beim Bäcker um die Ecke, wo man sich strahlend freut, uns heute Laugenwecken günstig anzubieten, drei Stück zum Preis von zwei. So viel vorauseilende Einfühlung in arme Käuferseelen und ihre leeren Portemonnaies ist uns suspekt: Sollte man uns nicht lieber zwei zum Preis von drei verkaufen wollen? Aber die neoklassische Wirtschaftstheorie ging schon immer von weltfremden Annahmen aus, sie hat Schiller nicht genügend rezipiert ("Freude, Freude treibt die Räder / In der großen Weltenuhr") und ignoriert das kundeninduzierte Freudensyndrom so beharrlich wie wir nun Bäckers Angebot. Der nimmt's nicht krumm, im Gegenteil, gibt uns den Krapfen zum Normalpreis tapfer lächelnd und wünscht uns noch einen schönen Tag, mit einer Herzlichkeit in der Stimme, die rein und ohne jeden Dünkel ist. Soviel Menschlichkeit rührt an Innerstes, an Ältestes auch, wenn wir es aufgeklärt im Lichte Darwins betrachten. Ob das Freuden-Gen wohl schon entziffert ist? Spontan überkommt uns der Wunsch nach hemmungsloser Verbrüderung, wir wollen Bäcker, Bäckersfrau, die ganze Kundschaft an den Händen fassen, sie umarmen, herzen, küssen. Seid umschlungen, Freudentrunkene, auf dass sich alle mögen wünschen Einenwunderschönengutentag. Doch wir üben uns in Triebverzicht und wenden uns schweigend, dankbar lächelnd nur, zum Gehen, wobei der Blick entrückt noch einmal über den Ort euphorischen Geschehens streift. Soviel Gold und Glanz, ein Freudenhaus des Broterwerbs, das wir nun tatenarm, jedoch gedankenvoll verlassen, freudig gestimmt wie kaum ein Held zum Siegen. Wir sind voll froher Zuversicht: Der Nächste, der sich mit uns, die Nächste, die sich für uns freut, sie können weit nicht sein.

Achim Bahnen


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