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Buchkritik zu: Ernst Mayr, Das ist Biologie. Spektrum: Heidelberg/Berlin 1998. ![]() |
F.A.Z. vom 06.10.1998, Literaturbeilage, Seite L 37
O wie schön ist SingapurErnst Mayrs LebenslehreManuskriptfassung!Gäbe es einen Nobelpreis für Biologie, Ernst Mayr hätte zwei verdient. Denn neben maßgeblichen Fachbeiträgen zu verschiedenen Teildisziplinen - vor allem die zeitgenössische "synthetische" Evolutionstheorie trägt seine Handschrift - hat Mayr sich mit Erfolg bemüht, der Wissenschaft vom Leben einen konzeptionellen Rahmen zu entwerfen. Im meist überschwenglichen Lob von seinen Fachkollegen klingt daher zuweilen auch Erleichterung mit, daß einer der Zunft die philosophische Schwerarbeit abnehme. Ernst Mayr ist der Denker der Biologie. Was der in Deutschland aufgewachsene, doch früh in die USA gegangene Mayr nun unter dem Titel "Das ist Biologie" in deutscher Übersetzung vorlegt, ist weder Einführung noch Lehrbuch, sondern über weite Strecken eine Streitschrift, Polemik im besten Sinne. Der 94jährige ist sich treu und dabei jung geblieben. Daß mit Molekular- und Neurobiologie faszinierende Teilgebiete weitgehend ausgespart bleiben, läßt sich bei diesem Autor verschmerzen. Immerhin deutet er an, Lösungen für die Probleme der Welt in der Tasche zu haben: "Wissenschaftler wissen durchaus, was zu tun wäre", aber gegen eine Umsetzung "haben sich die Politiker und ein Großteil der Wählerschaft bislang gesträubt". Das läßt den derart mehrheitlich gerügten Leser aufhorchen und wissenschaftlich fundierten Rat im Schlußkapitel suchen. Es ist der schwächste Teil des Buches. Angesichts der Überbevölkerung verweist Mayr lakonisch auf die Praktiken in China und Singapur, die er "trotz des damit verbunden Verlustes bestimmter Individualrechte" für vorbildlich hält und segensreich "für die Menschheit als Ganzes". Dem Biologen, der den modernen Artbegriff entscheidend prägte, gilt die Art alles, der Einzelne nichts. Mögliche Einwände werden in dieser Perspektive zu unnützem geisteswissenschaftlichen Ballast, so als ließe sich eine humane Bevölkerungspolitik Kaninchenzüchtern anvertrauen. Ebenso enttäuschend sind die Bemerkungen zur Umweltethik, denn das behauptete "Daseinsrecht" der gesamten Natur kann aus Mayrs evolutionärem Humanismus, der die Menschen zur Arterhaltung verpflichtet, schwerlich abgeleitet werden. Aber lassen wir diese Feinheiten; das ist nicht Biologie. Das Panorama seines Fachs entfaltet Mayr dagegen in gewohnter meisterlicher Klarheit. Die dichte, mit vielen Nebenbemerkungen versehene Darstellung erfordert konzentrierte Aufmerksamkeit. Kein autobiographisches Plaudern, sondern argumentative Strenge erwartet den Leser, dem ein Glossar sowie die übersichtliche Gliederung Lektüre und Nachlese erleichtern. Wie in früheren Werken Mayrs führt der Weg zu einer Philosophie der Biologie über deren Geschichte. Anhand des historischen Antagonismus zwischen einem rein mechanistischen Physikalismus und den verschiedenen Varianten des Vitalismus illustriert Mayr die Unzulänglichkeit des Reduktionismus. Die Rückführung der Lebensphänomene auf ihre kleinsten Bestandteile ist zwar möglich, reicht aber nicht aus, um die komplexen Eigenschaften von Organismen zu erklären. Organismen sind dadurch gekennzeichnet, daß sie auf verschiedenen Ebenen organisiert sind. Die alleinige Beschreibung der physiko-chemischen Ebene materieller Zusammensetzung verliert daher wesentliche Merkmale des Lebens aus dem Blick. Die heute vorherrschende Auffassung, in Anlehnung an W. E. Ritter als "Organizismus" bezeichnet, stellt die hierarchische Organisation in den Vordergrund, ohne auf eine dubiose Lebenskraft zurückzugreifen. Ausgerechnet Kant, dem Mayr gar nichts abgewinnen mag, scheint in diesem Punkt recht zu behalten: Einen Newton des Grashalms wird es nicht geben. Inzwischen ist ihm ein Darwin zur Seite getreten, und Mayr wird nicht müde, auf die wissenschaftstheoretische Bedeutung der Evolutionstheorie hinzuweisen. Denn in der belebten Welt muß die Frage nach dem funktionalen "Wie" durch die Frage nach dem evolutionären "Warum" ergänzt werden. Ein biologisches Phänomen ist erst dann zureichend erklärt, wenn beide Fragen beantwortet sind. Mayr unterscheidet hier zwischen unmittelbaren (funktionalen) und mittelbaren (evolutionären) Ursachen, wobei für letztere in der Regel mehrere Erklärungsansätze zur Auswahl stehen. Die Evolution kennt viele Wege, und die Biologie muß dieser Vielfalt Rechnung tragen. Sie bedient sich verschiedener, einander ergänzender Konzepte und kann sich nicht auf wenige universelle Gesetze stützen. Mayrs Verdienst ist es, diese Eigenheiten biologischen Denkens klar herauszuarbeiten und sie als Stärke, nicht als Schwäche zu verstehen. "Eine Wissenschaftsphilosophie, die mit Pluralismus nicht zurecht kommt, ist für die Biologie ungeeignet." Eifrig bemüht sich Mayr daher, die Mängel der herkömmlichen, auf die Physik fixierten Wissenschaftstheorie aufzuzeigen. Ein Beispiel sind Thomas S. Kuhns 1962 in "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" ausgearbeitete Thesen zur Wissenschaftsentwicklung, für die Mayr "in der Biologie praktisch keine Bestätigung" findet. Statt dessen ist er überzeugt, daß die Wissenschaft in einem Darwinschen Prozeß fortschreitet, der - wie die biologische Evolution selbst - "durch Variation und Selektion gekennzeichnet" ist. Es ist fraglich, ob damit viel gewonnen ist, zumal Kuhn selbst im Schlußkapitel seines bahnbrechenden Werkes ausdrücklich auf die Nähe zu Darwins Theorie hingewiesen hatte: zumindest unter dem Aspekt des Fortschrittsgedankens sei die Analogie "nahezu perfekt". Die Auffassung, daß Wissenschaft nicht auf ein vorherbestimmtes Ziel zustrebe, sondern die Theoriendynamik einem Selektionsprozeß unterliege, vergleichbar dem biologischen "survival of the fittest", hat Kuhn damals - zu Unrecht - den Relativismusvorwurf eingetragen. Diese Pointe entgeht Mayr, der sich nur für den von Kuhn behaupteten Gegensatz zwischen Phasen "normaler Wissenschaft" und "Revolutionen" interessiert. So unzureichend Kuhns Unterscheidung im Einzelnen auch sein mag, so unbefriedigend bleibt Mayrs Modell eines "Gradualismus biologischer Fortschritte" mit einer ständigen Abfolge größerer und kleinerer Revolutionen. Es klingt, als wollte Mayr zurück zur Vorstellung einer linearen, kumulativen Wissenschaftsentwicklung. Und mit der Behauptung, die "aktive" Biologie kenne gar keine "normalen" Phasen, entwirft er das Bild eines Wissenschaftsbetriebs, dessen Protagonisten "ständig neue Vermutungen vorbringen", ohne sich über gängige Methoden und Erklärungsansätze einig zu sein. Müssen wir uns den Biologen als ewigen Revoluzzer vorstellen? Ganz so wild ist es nicht. Eine Philosophie der Biologie aber beginnt sich erst langsam abzuzeichnen. Ernst Mayr hat die Skizze dazu geliefert. Preise werden dafür in Stockholm nicht verliehen. Achim Bahnen Alle Rechte vorbehalten. (c)
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