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Buchkritik zu:
Lee M. Silver,
Das geklonte Paradies.
Droemer: München 1998.

Cover


Mit den Klonen kamen die Tränen

Lee M. Silver verteidigt die Reproduktionsgenetik gegen ihre Kritiker

Manuskriptfassung!

Wir schreiben das Jahr 2350. Der Planet Erde hat sein Antlitz verändert, doch die größte Umwälzung ist fast unscheinbar abgelaufen: im menschlichen Genom. Rund vier Jahrhunderte nach Beginn des biotechnologischen Zeitalters steht der Mehrheit von traditionell gezeugten und dem Zufallsspiel natürlicher Vererbung unterworfenen Menschen eine Minderheit genetischer Aristokraten gegenüber, deren Erbgut seit Generationen gezielt optimiert und zum Teil synthetisch erzeugt wird. Die nur noch selten vorkommenden Mischehen zwischen "Naturbelassenen" und "GenReichen" sind fast immer unfruchtbar. Evolutionsbiologen kommen daher zu dem Schluß, daß die Menschheit dabei ist, sich in zwei Arten aufzuspalten.

Lee M. Silver ist kein Autor phantastischer Science-fiction-Romane. Als Inhaber eines Lehrstuhls für Molekularbiologie an der Universität Princeton und Gutachter des amerikanischen Kongresses ist er mit Stand und Perspektiven des biomedizinischen Wissens und Könnens bestens vertraut. Seine Vision der Reprogenetik, der Verbindung von Reproduktionsmedizin und Gentechnologie, beschreibt Silver nun verständlich und detailreich in diesem beeindruckenden, beunruhigenden Buch.

Das Szenario einer Artentrennung der menschlichen Gattung dient nur als spektakulär-spekulativer Höhepunkt, um die fundamentale Bedeutung der Reprogenetik zu illustrieren. Die übrigen Prognosen sind in einer weitaus näheren Zukunft angesiedelt und lassen sich als plausible Fortschreibungen heutiger Tendenzen rechtfertigen. Dabei spielt die Klonierung nicht die entscheidende Rolle, was den deutschen Titel als verkaufsfördernde, aber irreführende Übersetzung des Originals "Remaking Eden" entlarvt. Wer das Erbgut gezielt manipulieren kann, wird sich nicht mit bloßem Kopieren zufrieden geben. Erst der Zugriff auf die Gene macht die Reproduktionsbiologie zu einem effizienten Mittel, die Schöpfung nach Maß zu gestalten.

An dieser Stelle betritt der moralisch korrekte Entrüstungschor die Bühne: Das alles will doch keiner, und es darf auch keiner wollen! Dem hält Silver provozierend seine Grundthese entgegen, "daß reprogenetische Technologien zwangsläufig zum Einsatz kommen werden". Im Gegensatz zu düsteren Utopien à la Huxley sieht Silver die schöne neue Welt jedoch nicht von Regierungen beherrscht, sondern von freien Individuen und Paaren bestimmt, "die im eigenen Namen und dem ihrer Kinder das Gesetz des Handelns an sich reißen werden". Wenngleich Silver die Risiken totalitären Mißbrauchs etwas leichtfertig beiseite schiebt (seiner wissenschaftlich-technischen Vorstellungskraft steht eine erstaunlich phantasielose Gutgläubigkeit im Politischen gegenüber), wird so der Blick doch auf die eigentliche ethische Herausforderung gelenkt. Diese besteht ja nicht in einem geklonten Saddam Hussein, sondern in den möglichen Vorzügen der Reprogenetik für moralisch unverdächtige Bürger.

Es dürfte in der Tat schwer sein, "in einer Gesellschaft, der individuelle Freiheit über alles geht, ... überhaupt eine legitime Basis für Anwendungsbeschränkungen der Reprogenetik zu finden". Auch ohne die Freiheit schrankenlos zu lassen, trägt der Staat doch die Begründungslast, wenn er ihr Grenzen setzen will. Allerdings ist Silver nicht der eifrigste Helfer bei der Suche nach einer Begründungsbasis. Hinter der Maske des ehrlichen Maklers rationaler Argumente kann der Wissenschaftler Silver seine Faszination für das technisch Machbare nur schwer verbergen.

Bedenken gegen verbrauchende Embryonenversuche, die in der Reprogenetik unverzichtbar sind, werden gleich zu Beginn (analog zu der in der Bioethik geläufigen Differenzierung zwischen Menschen und Personen) mit der Unterscheidung von Leben "im allgemeinen" und Leben "im eigentlichen, besonderen Sinne" aus dem Weg geräumt. Der Embryo hat damit keinen moralisch relevanten Status mehr. Und wenn das Recht auf Fortpflanzung absolut gesetzt wird, verkommt die wiederholte Bemerkung, nicht alles Mögliche müsse auch gemacht werden, schnell zur salvatorischen Floskel. Dann läßt sich die Klonierung von Erwachsenen bei Unfruchtbarkeit zur Therapie verbrämen, weil "das Vorhandensein fremder Gene beim eignen Kind ... Ursache emotionaler Schmerzen und Ressentiments werden" könnte, und im Fall von Homosexualität (reproduktionsbiologisch gesehen ein besonders schwerer Fall von Infertilität) kann die Verschmelzung zweier Eizellen zur Chimärenbildung mit dem Wunsch beider Frauen nach einem genetisch gemeinsamen Kind gerechtfertigt werden.

Für deontologische Argumente oder die Zweck-Mittel-Kategorie ist in Silvers empiristischer Sicht, die Kinder an verfügbare Sachen assimiliert, kein Platz. Der elterliche Wille zum Wunschkind gilt als heilig, Design oder Nichtsein ist die Frage, und wer wird sich, ob Klon oder Chimäre, nachher schon darüber beschweren wollen, in die Welt gesetzt worden zu sein. Sollte sich in Zukunft doch einmal jemand beklagen, so kontert Silver mit dem Hinweis, selbst ein unglücklicher Klon sei doch wohl besser dran "als ein Kind, das in die Armut hineingeboren wird". Weshalb er den Politikern rät, sich lieber um das allgemeine Wohl der Kinder in der Welt als um Reprogenetik zu kümmern.

Offen bleibt, warum sich die gleiche Aufforderung nicht auch an Mediziner richtet. Es wäre wohl sinnlos, denn schließlich läßt sich mit Reproduktionstechnologien viel Geld verdienen. Das weiß auch Silver: "der globale Markt wird die Gesetze des Handelns bestimmen", und jede noch so kleine Nachfrage wird diesen Markt in ständiger Bewegung halten. Sind die angeblichen Tabus erst einmal zugunsten von Therapiezwecken durchbrochen, läßt sich die allgemeine Optimierung genetischer Startchancen nicht mehr mit kategorischen Argumenten bestreiten. Die positive Utopie des Philosophen Philip Kitcher in seiner Kritik an Silver, man müsse ein Klima schaffen, indem künftige Eltern nicht zur genetischen Verbesserung ihrer Kinder gezwungen seien, ist daher ebenso edel wie wirkungslos: Die zwanglos gewollten Vorteile der Einen werden automatisch zu zwingenden Nachteilen für Andere werden.

Jürgen Habermas hat unlängst in bemerkenswerter Offenheit bezweifelt, daß die richtigen Antworten zur Ethik der Reprogenetik bereits gefunden seien. Silvers Buch lenkt den Blick immerhin auf die wichtigen Fragen, denn das tiefe Unbehagen an der Reprogenetik speist sich nicht aus den Schrecken des Scheiterns, sondern aus den Gefahren des Gelingens.

Achim Bahnen


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